Samstag, 31. Mai 1997

31. Mai

"Das gibt ein blaues Auge", meinte Dimitri.
Nils hatte seinen Kampf gewonnen, aber wieder mal um den Preis eines blauen Auges.
"Das ist wie ein Orden", sagte er, als ich ihm das Coldpack auf das Gesicht drückte. Ich konnte es nicht fassen. Das sieht in ein paar Tagen garantiert schrecklich aus und er sagt, daß das wie ein Orden für ihn ist. Ich habe einen Freund, der garantiert gestört ist! Aber ich liebe ihn. Ich liebe ihn, so wie er ist.

Wir waren nicht mehr mit den anderen zusammen in der Pizzeria, sondern sind gleich zu ihm gefahren. Es war ein schöner Abend. Es IST ein schöner Abend. Ich sitze hier in seinem Zimmer, schreibe mein Tagebuch auf einem losen Zettel, der rumliegt. Auf dem Bett liegt Nils und schläft friedlich. Ich genieße diesen Augenblick, ihn einfach nur zu betrachten, zu wissen, daß er da ist. Wir haben nicht miteinander geschlafen. Wir haben einfach nur den abend zusammen verbracht, gekuschelt, es ist einfach nur schön. Da liegt er: mein Freund, und mir wird klar, wie gut es mir geht. Was für ein Glück ich habe, wir haben, das wir uns überhaupt gefunden haben. Mein kleiner, großer verrückter Freund, wieder mal mit einem blauen Auge. Ja, ich liebe ihn. Ich liebe ihn mehr als alles andere auf der Welt und ich will ihn nie wieder enttäuschen. Ich will ihn nie, nie, nie verlieren!

Freitag, 30. Mai 1997

30. Mai

"Und du meinst, die Sache ist nun ok?" Doris' Stimme klang skeptisch
"Himmel noch mal ja. Ich hoffe es. Ich hoffe es es wirklich. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
"Ich glaube, du hast wirklich mehr Glück als Verstand."
Was das nun wieder sollte.
"Sag mal, habt ihr zwei nicht Lust heute Nachmittag mit nach Stuttgart zu kommen? Ich treffe mich da mit Tara einer guten Freundin, die hier mal auf unsere Schule gegangen ist. Wir könnten Eis essen, uns auf den Schloßplatz in die Sonne legen und Leute erschrecken."
"Wieso denkst du denn, daß ich Leute erschrecken, nur weil ich auf dem Schloßplatz liege?"
"Du nicht, aber Tara."
"Aha", mir schwante fürchterliches.

Ich rief Nils an und fragte ihn, ob er Lust hätte. Und er fand die Idee ganz witzig. Ich glaube, wir beide waren ganz froh, daß wir diesen ersten Tag nicht alleine mit uns verbringen mußten. Und so tuckerten wir also mit dem Zug in richtung Stuttgart. Doris war einfach genial. Sie schaffte es, eine total lockere Stimmung zu zaubern und Nils und ich waren nur noch am kichern.

Dann sind wir erst mal wie die Bekloppten durch halb Stuttgart gerannt, weil Doris natürlich die genaue Adresse verbusselt hatte und sich nur noch dunkel an ihren letzten Besuch erinnert hat. Naja, jedenfalls haben wir dann nach einer halben Ewigkeit dieses Haus un der Ludwigstraße gefunden. Wobei Haus eigentlich total zu viel gesagt ist. So was kenne ich eigentlich nur noch aus alten Fernsehbildern aus der Hafenstraße oder aus Berlin. Naja, und dementsprechend war auch Tara. Daß sich manche Sachen aber auch so bewahrheiten müssen. Ich meine, als ich das Haus gesehen habe, wußte ich ganz genau, wie Tara aussehen wird...und was war, na klar! Aber trotzdem war sie total nett und witzig. Irgendwie total logisch, daß sie sich mit Doris gut versteht. Aber die Wohnung in der sie wohnt sieht wirklich total versifft aus. Nils und ich guckten uns an und wußten nicht so recht, ob wir grinsen oder das Gesicht verziehen sollten. Zum Glück blieben wir nicht lange da und taperten los um die Innenstadt unsicher zu machen. Tara erzählte Stories, wie sie bei ihrem HL-Markt um die Ecke permanent Joghurt schon im Laden aufißt ohne ihn zu bezahlen. Aber sie brachte das so locker rüber, daß Nils und ich nach kurzer Zeit anfingen, darüber zu lachen. Jedenfalls nahmen wir jede zweite Eisdiele mit und als wir endlich am Schloßplatz waren, blieb uns gar nichts anderes übrig, als uns hinzusetzen, so pappsatt waren wir. Doris knipste unaufhörlich mit ihrer Ritsch-Ratsch-Kamera herum und wir genossen die Sonne. Zu gerne hätte ich meinen Kopf einfach so auf Nils' Brust gelegt, ihn gespürt. Aber das ging natürlich nicht, um uns herum tobte das Leben. Irgendwann zottelten die beiden Mädels los zum Klamotten-Einkaufen und Nils und ich baumelten mit den Füßen im Brunnen.
"Weiß sie Bescheid?" fragte er.
"Wer? Tara? Keine Ahnung."
"Es ist komisch", meinte er, "ich glaube, es würde mir nichts ausmachen. Im Gegenteil, ich würde das sogar gut finden, weil, dann müßte man nicht so aufpassen und Theater spielen."
Ich guckte ihn an, wahrscheinlich mit großen Augen. Was hatte er da gerade gesagt? War das MEIN Nils, der das gesagt hatte?
"Meinst du, daß wir irgendwann, einfach so Hand in Hand durch die Gegend laufen können?"
"Ich weiß es nicht. Ich glaube in Bergbach bestimmt nicht. Und wenn ích mir das hier so angucke...hier laufen die Typen auch nicht Hand in Hand durch die Gegend. Aber eigentlich ist das auch egal. Solange wir uns nicht total verstecken müssen."
"Ist das in Hamburg anders?"
"Keine Ahnung. Du bist doch mein erster Freund. Vielleicht ist es da nicht ganz so spießig wie hier. Aber ich würde mich das am Gysue auch nicht trauen."
Ich merkte, wie er ganz leicht nach meiner Hand griff und sie drückte. Wir schauten uns an und brauchten nichts zu sagen. Nils, es ist MEIN Nils.
Nach einer halben Ewigkeit kamen die Mädels zurück. Als sie anfingen, uns die Klamotten, die sie erstanden hatten, zu präsentieren, haben wir allerdings sehr schnell abgewunken. Frauen haben schon einen seltsamen Geschmack.
Irgendwann machten wir uns dann wieder auf in Richtung Bahnhof und fuhren zurück nach Hause.
"Pennst du morgen nach dem Wettkampf bei mir? Meine Eltern sind weg." fragte Nils.
Ich merkte, wie mein Herz wieder aufging. "Jaaaa, nichts lieber als das." Und ich nahm ihn in den Arm, drückte ihn ganz fest und küßte ihn. Es war mir egal, ob uns jemand an der Kreuzung sah.

Donnerstag, 29. Mai 1997

29. Mai

Ich erwischte ihn dann kurz vor dem Training auf dem Weg zur Umkleide. "Laß uns nach dem Training reden", sagte ich.
Er schaute mich eine halbe Ewigkeit an, dann meinte er: "Was haben wir noch miteinander zu reden?"
"Nils, bitte gib mir wenigstens die Gelegenheit, es zu erklären."
Wortlos ging er an mir vorbei. Was hatte ich nur angerichtet? Ich wartete bis die anderen kamen, um in die Umkleide zu gehen. Ich hätte es nicht ausgehalten, mit Nils alleine dort zu sein.
Dimitri fauchte mich an, wo ich die letzten Male gewesen sei, aber ich sagte ihm, daß ich krank war. Ob er mir glaubte weiß ich nicht, es war mir auch ziemlich egal. Das Grundtraining war wie immer, nichts, was spektakulär gewesen wäre. Dann kamen wieder einige Probekämpfe dran. Meinen ersten Kampf gegen Flo verlor ich. "Du warst auch schon mal besser", war sein Kommentar. Was soll ich sagen, er hatte recht. Und dann rief Dimitri die nächste Kampfpaarung auf und es hätte schlimmer nicht kommen können: ich mußte gegen Nils antreten. Ich hatte es schon zigmal hinter mir und jedes Mal war es mir unangenehm. Nils war fast immer total anders, wenn er mit mir auf der Matte stand. Und diesmal hatte ich richtig Angst. Es war Nils, der mir da gegenüberstand, aber er war es gleichzeitig auch nicht. Ich sah, wie ich für ihn überhaupt nicht existierte. Dimitri pfiff und ehe ich mich versah, lag ich auf dem Boden. Er versuchte eine Rolle. Doch statt wie üblich weit unten zu greifen, griff er knapp oberhalb des Rippenbogens. Ich schrie vor Schmerzen. Was machte er da? Er zog den Griff immer fester und ich bekam einerseits keine Luft mehr und andererseits war es ein höllischer Schmerz. Zum Glück pfiff Dimitri ab, weil es keine weitere Aktion gab. Ich rappelte mich hoch und traf für eine Sekunde lang Nils' Blick. Haß, es war einfach nur blanker Haß was ich da sah und ich bekam Panik. Pfiff! Ich versuchte, ihm auszuweichen, jeden Griff zu blockieren. Handelte mir eine Verwarnung ein wegen Passivität. Dann erwischte mich Nils und setzte einen Wurf ein, den ich noch nie vorher gesehen hatte. Ich landete schmerzhaft auf meinen Schultern und schrie kurz auf. Dieser Arsch. Mußte er es denn so weit kommen lassen? Noch ehe ich mich aufrappeln konnte, lag er wieder auf mir. Doch während ich es früher immer irgendwie genossen hatte, hatte ich jetzt nur noch Angst und wollte weg. Doch ich kam nicht weit. Er sezte einen Armhebel an und zog ihn immer weiter nach oben. Ich schrie vor Schmerzen. Das war eindeutig gegen jede Regel, verdammt noch mal, warum pfiff Dimitri nicht ab. Mir wurde fast schwarz vor Augen. Dann endlich kam der erlösende Pfiff.
"Du Arsch", fauchte ich ihn an, "was soll denn das? Das war eindeutig gegen das Gelenk!"
"Seit wann bist du denn so zimperlich", entgegnete er trocken.
Dimitri kam zu uns und raunzte Nils an: "Wenn du das nur ein einziges Mal im Wettkampf machst, dann bist du raus! Ist das klar?"
Nils nickte. Ich rieb mir meine schmerzende Schulter und zog mich in die Umkleide zurück. Ich kochte vor Wut. Dieser Penner, was bildete er sich nur ein? Was kommt denn als nächstes? Will er mich etwas zusammenschlagen? Die Tür ging auf und Nils kam rein.
"Alles ok mit deiner Schulter?"
"Als wenn dich das interessieren würde. Was sollte denn das? Du hättest mir fast die Rippen gebrochen und den Arm ausgekugelt."
"So was passiert. Das Leben tut halt manchmal weh. Sehr weh!"
Ich konnte das nicht glauben. Ich konnte das wirklich nicht glauben. Wollte er sich so an mir rächen?
"Nils, das ist doch nicht dein Ernst. Wollen wir uns jetzt prügeln, oder was soll das?"
"Hättest du irgendwas anderes verdient?"
Ich schwieg. Ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Fanden jetzt eigentlich all unsere Gespräche in dieser Scheiß-Umkleide statt?
"Sag du es mir: Was habe ich deiner Meinung nach verdient?"
"Daß du für den Rest deines Lebens alleine durch die Welt ziehst. Das jeder, aber auch jeder, der sich mit dir einläßt weiß, daß du weder treu bist, noch irgendwelche richtigen Gefühle hast."
Das traf mich. Das tat mehr weh, als die Schmerzen, die er mir zugefügt hatte. Und gleichzeitig konnte ich es so gut verstehen.
"Nils, es ist aus mit Heiko."
"Ach ja? Und für wie lange? Und wer kommt als nächstes?"
"Ich weiß es nicht, ich kann es nicht sagen, ich kann dir auch nichts versprechen. Es ist nur so, daß ich dich immer noch liebe. Ich habe nie aufgehört zu lieben. Verdammt noch mal, warum ist denn das alles nur so kompliziert."
Nils blickte mich an, schaute mir eine halbe Ewigkeit in die Augen. Er sah so erwachsen aus. Und mir wurde klar, daß er in allem, was er sagte recht hatte. Es war, als wenn alle um mich herum den totalen Durchblick haben, nur ich nicht. Alle sahen die Dinge ganz klar, mit klarem Verstand, so wie sie waren nur ich, ich scheine der Einzige zu sein, der nichts auf die Reihe bekommt, der irgendwelchen Phantomen nachläuft.
Ich begann mich anzuziehen. Als ich fertig war, meinte ich zu ihm: "Ich warte auf dich. Ich denke, du weißt wo. Ich warte auf dich und dann laß uns über alles reden. Bitte komm!"
Nils schaute mich an. Aber so sehr ich auch versuchte, etwas in seinem Blick zu entdecken, ich konnte nichts erkennen. Ich verließ die Halle, schwang mich auf's Rad und fuhr los. Zum Kochertalweg. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wie ich dorthin gekommen war. Ich erinnere mich nur noch, daß ich mich ins feuchte Gras legte und mir die Tränen über das Gesicht liefen. Würde er kommen? Würden wir noch einmal eine Chance kriegen? Ich war so ein Idiot, so ein verfluchter Idiot gewesen. Was mache ich nur mit meinem Leben? Warum mache ich alles falsch?
Irgendwann hörte ich ein Fahrrad den Weg hochkommen. Es war tatsächlich Nils. Er stand vor mir, stieg nicht vom Rad ab.
"Tim, wie soll das mit uns weitergehen?"
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich dich brauche."
Er stieg vom Rad und schüttelte den Kopf. "Wen brauchst du? Mich oder Heiko?"
"Verdammt noch mal, ich habe dir doch gesagt, daß das mit Heiko vorbei ist."
"Ach so, und nun darf ich wieder an die Reihe, oder was?"
Ich wußte nicht mehr, was ich darauf entgegnen sollte, denn irgendwie hatte er ja recht von seinem Standpunkt aus.
"Was heißt das, daß es mit Heiko vorbei ist? Heißt es, daß du ihn nie wieder sehen wirst, heißt es, daß du nie wieder mit ihm reden wirst, heißt das, daß ihr nie wieder zusammen schlafen werdet?"
Keine Ohrfeige, kein Schlag hätte schlimmer sein können. Ich merkte, wie mir wieder die Tränen in die Augen schossen. Ich versuchte, den letzten Rest Verstand zusammenzusammeln: "Ich habe ihm gesagt, was Sache ist, ich habe ihm gesagt, was ich für ihn empfinde. Aber ich habe ihm gleichzeitig gesagt, daß ich weiß, daß daraus nichts wird. Und wir alle wissen wieso."
"Toll, so wie du das sagst, klingt das fast so, als wäre das alles von Heiko ausgegangen", seine Stimme klang spöttisch.
Er quälte mich und er wußte es auch und ich konnte nichts dagegen machen, denn ich war im Unrecht.
"Nils, ich habe nicht gesagt, daß ich Heiko nie wieder sehen werde, daß ich nie wieder mit ihm reden werde. Aber ich weiß, wo ich hingehöre, ich weiß, daß ich zu dir gehöre, daß WIR zusammen gehören, daß DU mein Freund bist."
Schweigen. Eine Ewigkeit. Inzwischen war die Sonne vollständig verschwunden und nur noch das diffuse Licht aus dem Tal brachte etwas Helligkeit. Ich sah ihn an und sah Tränen in seinen Augen. Dann kam er auf mich zu und drückte mich. Drückte mich ganz fest und schluchzte. Wir beide schluchzten und hielten uns wie zwei Ertrinkende aneinander. Ich glaube, wir beide wußten, daß wir nicht ohne den anderen auskommen können. Wir haben nichts mehr gesagt. Den ganzen restlichen Abend nicht, kein einziges Wort. Wir haben uns nur festgehalten. Ein langer Kuß zum Abschied.
Nun sitze ich zu Hause und frage mich, ob jetzt endlich wieder ein bißchen Ordnung, ein bißchen Ruhe in mein Leben kommt? Ich bin mir sicher, daß es wirklich die letzte Chance ist, die Nils und ich haben. Und ich muß mich wirklich zusammenreißen. Ich muß versuchen, Heiko zu vergessen, oder wenigstens meine Gefühle für ihn vergessen. Das wird total schwer und ich habe Angst vor den nächsten Wochen. Aber welche andere Wahl habe ich? Ich kriege ihn nicht, ich kriege ihn nie. Soll ich heulend und jammernd den Rest meines Lebens hier in Bergbach sitzen? Nein, das geht nicht. Ich werde versuchen, es zu packen!
"Und du glaubst, damit ist es ausgestanden?" Doris blickte mich zweifelnd an.
"Ich hoffe, nein ich bin mir ziemlich sicher."
"Dein Wort in Gottes Gehörgang. Ich hoffe du bist nie, nie wieder so unausstehlich wie in den letzten Wochen."
"Warst du denn nicht schon mal genauso verknallt?"
"Also ich glaube so wie du jetzt noch nie."
"Du Glückliche."
"Und was ist mit Nils?"
"Ich werde mit ihm reden müssen. Ich habe seit Samstag nicht mehr mit ihm gesprochen."

Mittwoch, 28. Mai 1997

28. Mai

"Hey Tim, cool, daß du anrufst." Heikos Stimme klang fröhlich. Mit seinem leichten kölnischen Akzent wirkte er immer ein wenig so, als würde er eine Karnevalsrede halten. "Wie geht's dir?"
"Beschissen und das ist auch der Grund warum ich dich anrufe."
Schweigen, dann ganz und gar nicht mehr fröhlich: "Was ist los?"
"Heiko, ich habe mich verknallt, ja ich habe mich ganz und gar, total verknallt. Und zwar in dich!" Ich hörte, wie er am anderen Ende etwas sagen wollte, aber ich kam ihm zuvor: "Erzähle mir nicht, daß das Wahnsinn ist. Das weiß ich selber. Ich bin nicht blöd, ich weiß sehr genau, daß du einen Freund hast, daß du ewig weit weg wohnst, daß es nie etwas wird mit uns. Aber ich halte es einfach nicht mehr aus, damit rumzulaufen, ohne es dir wenigstens gesagt zu haben."
Schweigen, dann: "Und jetzt?"
Ich wurde seltsamerweise wütend. Konnte er mir nicht wenigstens ein bißchen entgegenkommen? "Jetzt Heiko, sage mir, daß du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Ich will bloß nicht diesen bekloppten Satz hören 'Laß uns doch einfach gute Freunde bleiben', weil genau das kann ich nicht gebrauchen, daran bin ich in den letzten Wochen fast irre geworden. Heiko, es wird am besten sein, wenn wir uns nicht mehr sehen, nicht mehr telefonieren uns nicht mehr schreiben."
"Hast du eigentlich nichts gemerkt? Hast du ÜBERHAUPT NICHTS mitbekommen?"
Ich war verwirrt: "Was mitbekommen?"
"Du hast recht Tim, ich liebe dich nicht. Aber du bist trotzdem viel mehr für mich, als nur einfach so ein guter Freund und Kumpel. Ich weiß nicht WAS es ist. Aber du bedeutest mir sehr viel. Und ich will nicht, daß es so endet. Ich will dich nicht verlieren, auch wenn es wahrscheinlich nie etwas mit uns wird."
In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Situation.
"Heiko, ich gehe kaputt dabei."
"Du wirst nicht kaputt gehen. Weil du erstens selber genau weißt, daß es mit uns nicht klappen kann. Das hast du selbst vorhin gesagt. Aber du weißt jetzt auch, daß du mir eben nicht völlig egal bist. Und ich weiß jetzt, was du denkst und fühlst. Du brauchst nicht mehr Theater zu spielen."
Was war auf einmal mit ihm los? Warum erschien er mir auf einmal so altklug und weise. Ich hörte seine Worte und wurde auf einmal spürte ich, wie meine alte Stärke wiederkam. Er hatte recht. Auf eine merkwürdige Weise fühlte ich mich frei. Frei, daß er jetzt Bescheid wußte. Auch wenn ich verwundert war, daß er so total anders reagiert hatte, als ich es angenommen habe.
"Bist du noch dran, Tim?"
"Ja."
"Denkst du denn, ich habe es nicht gemerkt? Spätestens als du in Köln warst, habe ich es mitbekommen."
"Und warum hast du nichts gesagt? Warum hast du mich so zappeln lassen?"
"Was hätte ich denn sagen sollen? Daß ich glaube, daß du in mich verknallt bist?"
"Vielleicht ja. Das hätte vieles leichter gemacht."
"Leichter? Oh ja, für dich vielleicht."
Ich schwieg wieder. Er hatte ja so recht.
Heiko fuhr fort: "Und ich garantiere dir, wenn du dich nicht in den nächsten Wochen bei mir meldest, werde ich bei dir anrufen. Ich lasse dich nicht einfach so davonkommen. Ich mache es dir nicht so leicht, wie du es gerne hättest. Kein Heiko mehr? Das hast du dir vielleicht so gedacht. Da mußt du durch, und ich wahrscheinlich auch."
"Warum machst du das?"
"Weil ich es hasse, wenn man vor Dingen so einfach wegläuft."
"Ich laufe nicht weg. Ich ziehe nur einen Schlußstrich."
"Oh, toll, du bist ja so ein cooler Typ. Einen Schlußstrich willst du ziehen? Das ist doch so was von bekloppt mein Lieber. Du läufst davon. Du rennst weg. Vor deinen Gefühlen, vor den Gefühlen von anderen. Rennst du eigentlich auch weg, wenn dir ein Gegner auf der Matte gegenübersteht?"
"Was soll das denn jetzt?"
"Du weißt ganz genau, was ich sagen will."
Warum habe ich ihm das nicht alles gesagt, als er mir gegenüber saß in Köln? Nun hing ich am Telefon und hatte nichts als seine Stimme, ich konnte nichts sehen, seine Augen nicht, sein Gesicht nicht. Ich versuchte wieder die Initiative zu ergreifen: "Ok, ich denke, ich habe gesagt, was Sache ist. Du weißt jetzt Bescheid und wenn du damit umgehen kannst ist es in Ordnung. Ich konnte das Ganze nur nicht mehr mit mir herumtragen."
"Bist du in Leipzig dabei?"
"Fängst du jetzt auch schon damit an? Das weiß ich doch jetzt noch nicht."
"Ich würde mich freuen. Auch wenn wir da vielleicht gegeneinander antreten."
"Nicht, wenn wir in einer anderen Gewichtsklasse sind."
"Ich kenne dich zwar noch nicht sehr lange. Aber so gut kenne ich dich dann doch, daß du garantiert nicht in einer anderen Klasse sein wirst."

Es ist merkwürdig. Nils, Heiko, alle gehen davon aus, daß dieser Wettkampf in Lepizig so eine große Bedeutung für mich hat. Ok, ich gebe zu, in meinem Kopf geistert es tatsächlich noch rum, daß ich gegen Heiko gewinne. Ich weiß nicht wieso. Doch, ich weiß es. Es ist tatsächlich so, daß ich ihn beeindrucken will damit. Absolut bekloppt, ich weiß. Aber es ist so ein komischer Ehrgeiz da, daß das vielleicht noch so ein Stück Anerkennung ist, die ich von ihm bekommen kann. So ein Schwachsinn. Es gibt genügend andere Gegner, gegen die ich gewinnen müßte...aber nein, es muß Heiko sein.
"Ok, ich werde nach Leipzig gehen, wenn ich in den Kader von unserem Verein komme. Und vielleicht landen wir ja bei der Auslosung tatsächlich auf der gleichen Matte. Aber frage mich nicht, wie es mir dann geht. Ob ich gewinnen will oder nicht."
"Du wirst gewinnen wollen und ich werde auch gewinnen wollen. Also bereite dich schon mal gut vor."
Ich mußte lachen. Was war das für ein seltsames Telefongespräch? Ich hatte Heiko erzählt, daß ich in in verknallt bin, und er hatte nicht den Hörer aufgeknallt, er hatte nicht gesagt, daß er das völlig daneben findet. Ok, er hat auch nicht gesagt, daß es ihm genauso geht. Der Abschied war merkwürdig. Es war eigentlich gar kein richtiger Abschied. Einfach so kamen wir bei zu dem Ergebnis, ja, jetzt wäre so alles gesagt, was man für heute sagen könnte und wir sagten Tschüß und das war es.

Und mir geht es erstaunlich gut. Nicht, daß ich jubelnd in der Gegend herumspringen würde. Aber dieser Druck ist weg, tatsächlich so, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen. Er weiß es endlich und ich bin seltsam erleichtert.

Dienstag, 27. Mai 1997

27. Mai

"Wir dachten, wir schauen mal vorbei, was los ist. Keiner weiß Bescheid."
Flo und Max standen in der Tür.
"Bist du krank?"
"Sieht ja wohl so aus."
"Was hast du denn?"
"Grippe", log ich.
"Du siehst auch wirklich ziemlich scheiße aus."
Na toll, Max war war drastisch wie immer.
"Gib's zu, du hast nur zu viel gesoffen und mußt erst mal deinen Rausch ausschlafen."
Ich ließ mich in mein Bett fallen und vergrub mich in meinem Kissenhaufen.
"Ich glaube, er ist wirklich krank", meinte Flo.
"Vielleicht hat er ja auch nur Liebeskummer", blödelte Max.
"Ich bin nicht krank, ich will einfach nur meine Ruhe haben", wimmerte ich.
"Für Ruhe sind wir nicht zuständig", prustete Max, "wir dachten, wir heitern dich ein bissele auf."
"Ich will aber vielleicht gar nicht aufgeheitert werden. Vielleicht will ich ja wirklich meine Ruhe haben und vielleicht geht ihr jetzt auch besser."
Ich sah, wie die beiden mit den Schultern zuckten, sich umdrehten und gingen.

Mein Leben ist ein Trümmerhaufen. Ich mache alles kaputt. 'Wie lange soll denn das so weitergehen?' hatte Doris gefragt. Sie hat recht. Sie hat ja so recht. Ich stehe auf und blicke in den Spiegel. Und bekomme tatsächlich einen Schreck wie ich aussehe. Total blaß, Ringe unter den Augen. Vor allem rot sind sie mene Augen, rot vom Weinen. Ich schaue mich an und beginne auf mich einzureden. 'Ruf ihn an, rede endlich mit ihm. Mache dem ganzen Hin und Her ein Ende. Du gehst kaputt dabei, Tim!'
Ich nahm mir tatsächlich vor ihn anzurufen. Bis ich in meinem Zimmer war, hatte mich der Mut wieder verlassen. Ich überlegte mir, wie er wohl reagieren würde. In meinem Kopf entstand ein komplettes Theaterstück mit perfekten Dialogen, jedes Wort zigmal abgewägt. Jede Reaktion durchgespielt.
Variation Eins, die wahrscheinlichste, die, die am meisten weh tun würde: Tim, was erzählst du da? Ach nein, vergiß es. Es war ganz ok mit dir, aber wie kommst du denn auf die Idee, daß ich irgendwas für dich empfinde? Also wenn du mir so kommst, dann ist es vielleicht besser, wir sehen uns nie wieder.

Variation Zwei: Tim, du bedeutest mir auch eine Menge, wirklich. Aber wir wohnen nun mal viel zu weit voneinander weg, als das daraus was enrsthaftes werden könnte. Außerdem hast du einen Freund und ich auch. Also, laß uns einfach Spaß haben, wenn wir uns mal sehen und alles andere einfach viel lockerer nehmen.

Variation Drei habe ich gar nicht erst durchgespielt, weil die wahrscheinlich noch viel mehr wehtun würde als die erste, nämlich, die wenn er sagt, daß es ihm ebenso geht wie mir. Ich weiß nicht, was ich dann machen würde. Ich weiß es wirklich nicht. Und was wäre, wenn er sagt, daß er nur auf ein Zeichen von mir gewartet hat. Und ich Idiot habe mich nicht getraut? Shit, meine Phantasie und meine Wünsche gehen mit mir durch. Und ich fange wieder an zu heulen.

Mom und Dad ließen mich in Ruhe. Zum Glück, denn ich glaube, ich würde ausrasten, wenn ich noch total betuttelt werde. Irgendwann ging die Tür auf: "Tim?" Es war Lisa, meine kleine Prinzessin. "Tim, bist du noch krank?"
Sie stand vor meinem Bett und blickte mich mit großen Augen an. "Ich habe ein Bild gemalt." Da lag ich in einem Bett auf einer grünen Wiese und über allem lachte eine große Sonne. Sie drückte mich ganz fest. "Ich werde bald wieder ganz gesund", versprach ich ihr.
Es muß endlich aufhören. Ich gehe sonst wirklich noch kaputt. Und ich stoße alle um mich herum vor den Kopf. Doris hat wirklich recht. Ich muß endlich Klarheit haben. Vielleicht wird es weh tun, aber ich ertrage diese Ungewißheit nicht mehr. Morgen werde ich es klären und ihn anrufen.

Montag, 26. Mai 1997

26. Mai

"Hast du Fieber?"
Mom legte ihre Hand auf meine Stirn. "Dann bleibe heute im Bett. Vielleicht bekommst du ja so etwas wie eine Grippe."

Vielleicht habe ich Fieber, vielleicht auch nicht. Ich will nicht aufstehen. Ich kann nicht aufstehen. Verbringe den Tag im Bett. Bis auf meinen Gang zum Briefkasten. Kein Brief von Heiko. 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr, 17 Uhr. Jetzt beginnt das Training. Keiner ruft an. Kein Nils, keine Doris. Mom meint, ich würde richtig krank aussehen. Ich vermeide es, beim Gang ins Bad in den Spiegel zu gucken. Ich weiß, daß ich mein Gegenüber sowieso nicht wiedererkennen würde, daß es mir fremd ist. Ich versuche, mich abzulenken, lese irgendwelchen Blödsinn und habe es sofort wieder vergessen. Zappe mich durchs Fernsehen und bekomme wieder mal gar nicht mit, was eigentlich läuft. Mom meint, ich müsse nun endlich mal etwas essen. Ich will nicht, ich kann nichts essen. Ich ernähre mich nur noch von Eistee und O-Saft.

Sonntag, 25. Mai 1997

25. Mai

Doris war da. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie es geklingelt hatte. Die Tür ging auf und plötzlich stand sie in meinem Zimmer. Sie sagte nicht ein Wort. Sie setzte sich ganz einfach mir gegenüber und blickte mich an. Ich wurde wütend. Weil ich dises Schweigen nicht aushielt. Weil ich irgendwann, nach einer halben Ewigkeit anfing zu reden. Nein, ich fragte sie: "Warum bist du gekommen?"
Nichts, keine Antwort, nur Schweigen.
"Warum verdammt noch mal, bist du hier? Hat Nils dich angerufen?"
"Tickst du eigentlich noch ganz richtig Tim?" endlich hatte sie etwas gesagt.
"Nein, das tue ich nicht. Wie denn auch? Weißt du denn, wie es in mir drin aussieht?"
"Du bist so ein selbstmitleidiger Feigling. Aber nicht mal das reicht dir ja anscheinend aus. Du mußt auch noch den, der dich liebt von dir wegstoßen."
Ich hörte ihre Worte und tief drinnen weiß ich, daß sie recht hat. Aber es drang nicht bis zu mir vor.
"Wie lange soll denn das so weitergehen?"
Ich saß nur da und blickte durch sie hindurch.
Dann stand sie auf, ging zum Telefon und hielt mir den Hörer hin: "Hier!"
"Was soll das denn jetzt?"
"Du rufst jetzt auf der Stelle Heiko an und sagst ihm, was Sache ist. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."
"Was soll denn das bringen?"
"Daß du es von ihm selber hörst, daß du ihn dir aus dem Kopf schlagen sollst."
"Ich kann ihm ja nicht einmal richtig schreiben. Da soll ich mit ihm telefonieren?"
Doris stand auf: "Weißt du was. Ersaufe doch in deinem Selbstmitleid. Ich werde jedenfalls kein Wort mehr mit dir reden, bis die Sache nicht endgültig geklärt ist."
Sie rauschte aus meinem Zimmer. Nils war weg. Doris war weg. Nur noch einer war da. Und der wußte noch nicht mal, daß er in meinem Kopf herumspukte. Ich lege mich unter meine Kopfhörer, Sinead O'Connor als Endlosschleife.
"Tim, was ist denn los mit dir?"
Nils schaute mich fragend an. Beide Kämpfe hatte ich verloren. Nicht einmal einen Punkt hatte ich gemacht. Ich kann mich jetzt nicht mal mehr an die Kämpfe erinnern. War ich überhaupt da? Dimitri schnaubte vor Wut und meinte, ich wäre für die nächsten beiden Wochen raus aus der Mannschaft. Es ist mir egal. Das gemeinsame Essen hinterher rauschte an mir vorbei. Auf dem Heimweg wollte Nils natürlich wissen, was los ist. Ich murmelte nur so etwas, wie, daß ich glaube, daß ich krank werde. Was ja gar nicht so falsch ist.
"Wenn du weiter so miserabel bist, wirst du Heiko nie besiegen."
Ich blickte ihn an. In dem Moment hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt.
"Aber bis Oktober ist ja noch ein Weilchen hin. Wenn du dich anstrengst, bekommen wir dich schon fit."
"Was ist im Oktober?"
"Ach ja, das habe ich dir ja noch gar nicht erzählt. Ein großes A- und B-Jugendturnier in Leipzig. Stand gestern in den Ausschreibungen."
"Daran werde ich ganz sicher nicht teilnehmen."
"Daran wirst du ganz sicher teilnehmen. Ich will schließlich, daß du gewinnst."
Da rastete ich aus wie schon lange nicht mehr. Ich schrie ihn an, daß es wahrscheinlich wie ganze Friedrichstraße hörte: "Warum läßt du mich verdammt noch mal nicht mein eigenes Leben leben? Meine eigenen Entscheidungen treffen? Es kotzt mich an, wie jeder um mich herum versucht, mein Leben für mich zu bestimmen. Wenn ich nach Leipzig fahre, dann weil ich es will. Und wenn ich nach Köln fahre, dann auch, weil ich es will und wenn es nur deshalb ist, um Heiko wiederzusehen und ihm zu sagen, was wirklich los ist."
Nils starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an: "Tim, um Gottes Willen, bitte, was ist denn los mit dir?"
Ich schrie weiter: "Was mit mir los ist? Ich drehe durch. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, ich weiß nicht mal mehr, wie ich die letzten Tage verbracht habe. Ich schlafe keine Nacht mehr. Weil ich IHN nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Jedes Wort, jeder Gedanke erinnert mich an ihn!"
Nils ließ sich auf den Gehsteig sinken: "Ich habe dich das schon mal gefragt. Und jetzt will ich es noch mal wissen: Bist du noch mein Freund?"
Ich hörte die Frage aber ich wußte nicht, was ich darauf antworten sollte. Jedesmal, wenn ich versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, kam mir Heiko in den Sinn.
"Ich weiß es nicht, Nils ich weiß nichts mehr. Mein Kopf ist voll und doch gleichzeitig leer. Ich kann nicht mehr klar denken. Alles, was ich sagen kann, würde dir nur wehtun, und das will ich nicht. Weil ich es nicht so meine. Aber ich will jetzt einfach alleine sein."

Ich konnte seine Augen nicht sehen, weil er sein Gesicht in seinen Armen vergraben hatte. Und ich, ich ging einfach weiter, kam an unserer Kreuzung vorbei. Ich weiß dann nur noch, daß ich in meinem Zimmer verschwand und seltsamerweise gleich einschlief. Bis jetzt. Wo ich wieder mit Herzrasen aufwachte und ich mich wieder nach Heiko rufen hörte. Ich ging hinunter zum Briefkasten. Vielleicht hatte der Postbote ja einen Brief übersehen. Was natürlich Unsinn war. Und nun sitze ich wieder hier und starre aus dem Fenster.

Samstag, 24. Mai 1997

24. Mai

Ich bin gelaufen, gelaufen im Regen, gelaufen, bis meine Lunge zu platzen drohte. Bis zum Kochertalweg und wieder zurück. Nasse Zweige schlugen mir ins Gesicht, ich merkte fast gar nichts.

Zu Hause angekommen unter die Dusche. Egal, ob ich jemanden wecke. Aber alles schlief. Ich konnte trotzdem nicht mehr einschlafen. Irgendwann wacht meine Family auf. Frühstück. Ich höre mich selber, wie ich mechanisch antworte. Plötzlich fällt mir das gemeinsame Frühstück mit Heiko ein. Ich merke, wie die Tränen in mir aufsteigen, springe auf, murmele irgendeine Entschuldigung und renne in mein Zimmer. Der Brief. Der Brief an Heiko. Ich halte ihn in meiner Hand. Von Anfang an habe ich es doch gewußt, daß ich ihn nie abschicken werde. Zu feige bin ich. Ich schließe ihn in meinen Bisley und starre aus dem Fenster. Weiß nicht, wie lange ich so gesessen habe.

Irgendwann ruft Mom zum Mittag. Beim Runtergehen sehe ich den Briefträger. Ich stürze zur Tür, reiße ihm die Post aus der Hand. Kein Brief von Heiko, keine klitzekleine Zeile. Ich sage, daß ich keine Lust zum Essen habe und verkrieche mich wieder in meinem Zimmer. Und kriege wieder eine Panikattacke. Wo sind meine Gedanken, wo ist mein Kopf?.

Klingelt das Telefon? Ja, es klingelt, warum gehe ich nicht ran? Kurz bevor der Anrufbeantworter anspringt, nehme ich den Hörer auf. Nils ist dran. Ach ja. wir haben ja heute Wettkampf. Und ich muß antreten. Ja, ich komme pünktlich. Ich merke, wie ich wieder total mechanisch antworte. Wie ich ganz automatisch meine Tasche packe. Ich werde jetzt losfahren.
"Heiko!"
Schweißgebadet bin ich aufgewacht, habe Heikos Namens gerufen. Mein Herz rast wie wild. Ich bekomme tatsächlich Panik. Draußen regnet es, es regnet schon den ganzen Abend. Weinend bin ich wohl eingeschlafen, mit Panik bin ich aufgewacht, kann nicht mehr einschlafen. Verdammt, was ist mit mir los, ich werde diese Panik nicht mehr los? Ich reiße das Fenster auf, halte meinen Kopf raus. Meine Tränen vermischen sich mit den Regentropfen. Triefend sitze ich auf meinem Bett, versuche einen klaren Gedanken zu fassen, versuche zu schreiben, mein Gehirn zu ordnen. Ich zittere so, daß ich kaum meine Schrift erkennen kann. Was soll denn das alles? Wo ist mein Verstand? Wo ist meine Logik. Also: Heiko ist Hunderte von Kilometern weit weg in Köln, er hat einen Freund und weiß nicht, was ich für ihm empfinde. Gibt es noch irgendwelche Fakten, die ich vergessen habe? Wobei ich weiß ja nicht, ob das letzte überhaupt Fact ist. Weiß er es tatsächlich nicht? Ahnt er es? Weiß er es vielleicht ganz genau? Ok, also, schon die beiden ersten Punkte sagen mir doch schon ganz klar, daß es nie etwas werden kann. Ja, genau eine Sekunde überzeugt mich das und dann merke ich, wie plötzlich meine Gedanken wieder abgleiten und mir jede Sekunde, die ich mit ihm zusammen war wieder ins Gedächtnis zurückkommt. Jedes Wort, jedes Lächeln. Und alles, alles bekommt für mich plötzlich eine magische Bedeutung, als wenn er mir mit jedem Satz, mit jedem Grinsen etwas ganz bestimmtes mitteilen wollte. Hätte ich es ihm nicht vielleicht schon längst sagen sollen? Was ist, wenn es ihm in Wirklichkeit genau so geht wie mir? Aber was, was verdammt noch mal, würde das ändern? Er wäre immer noch in Köln und ich in Bergbach. Und er hätte immer noch seinen Matthes und ich, ja ich hätte immer noch meinen Nils. Nils, eigentlich alles Glück was ich haben kann. Ich drehe mich im Kreis. Ich komme zu keinem Ergebnis. Ich gehe etwas raus an die Luft, laufen um zu vergessen.

Freitag, 23. Mai 1997

23. Mai

"Ich glaube nicht, daß um 18 Uhr noch mal der Briefträger kommt", rief Mom aus dem Wohnzimmer. Shit, sie hatte es mitgekriegt, daß ich noch mal nachgeguckt habe. Nichts. Kein Brief von Heiko, keine Antwort. Weder in der Post noch ein Anruf. Was soll der Unsinn? Kann denn überhaupt schon eine Antwort da sein? Ich rechne nach. Ich werde wahnsinnig. Ich nehme das Telefon ab, um zu hören, ob es funktioniert. Ich versuche, mich daran zu erinnern, was ich geschrieben habe. War da etwas drin gewesen, was ihn verärgert haben könnte? Was ihn so gelangweilt hat, daß er nichts mehr mit mir zu tun haben will? So ein Shit. Was ist nur mit mir los? Wo ist der coole Tim hin? Nichts mehr da. Ich sitze zitternd auf meinem Bett, lese Heikos Brief. Nehme das Telefon, wähle die Vorwahl von Köln und lege wieder auf. Was soll ich sagen? Dann irgendwann klingelt das Telefon. Benji ist dran. Ich würde ihn ab. Sage, daß ich noch einen Anruf erwarte. Dann klingelt es wieder. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung. Diesmal ist Max dran, fragt, ob ich Bock auf die Tofa habe heute. Nein, habe ich nicht. Ich sitze hier und bewache das Telefon. Zappe mich durch das Fernsehprogramm und kriege nichts mit.

Dann setze ich mich hin und schreibe einen Brief an Heiko: Einen Brief, in dem ich versuche, ihm alles zu erklären. Was ich fühle, was mit mir los ist. Ich habe den halben Brief fertig, da kommt mir alles so albern und kindisch vor und ich zerreisse ihn. Ich fange neu an, es wird ein kurzer Brief, eine halbe Seite. Aber es steht alles drin, was ich ihm sagen möchte. Ich klebe ihn zu. Morgen stecke ich ihn ein.

Donnerstag, 22. Mai 1997

22. Mai

"Hi Kleiner!"
Super, Phil war am Telefon. Meine Güte, wie lange habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er klingt so erwachsen. Es geht ihm gut, sagt er. Er hat ein richtig ruhiges Leben bei seiner Einheit in Lüneburg. Am Wochenende ist er immer bei Oma in Hamburg und genießt da das volle Nachtleben. Ich gebe zu, daß ich ein wenig neidisch deswegen bin. Er hat erzählt, daß er im Sommer wieder nach Bergbach kommt, weil er da Urlaub hat. Blöderweise überschneidet es sich zwei Wochen mit meiner Fahrt nach Korsika. Aber es war wirklich schön, ihn wieder zu hören.

Das Training war heute ganz ok. Nicht so öde wie am Montag. Und Dimitri hat nicht mal Terz gemacht, weil ich gestern nicht da war. Ist ja auch schon was wert.

Nils war hinterher sogar noch bei mir. Wir haben gequatscht und gekuschelt, jedenfalls so weit wie wir es uns getraut haben. Mein Kopf, meine Gefühle sind eine einzige Achterbahn. Ich komme mir immer wieder so schäbig vor, so hinterhältig, weil ich es nicht schaffe, Heiko aus meinem Kopf zu vertreiben.

Mittwoch, 21. Mai 1997

21. Mai

"Willst du echt dafür das Training ausfallen lassen?"
"Ja, ich habe Tobias versprochen, ein paar Schulsachen mitzubringen. Und Kilian hat mir den Stoff für die nächsten zwei Monate kopiert."
Nils nickte: "Ich sage Dimitri Bescheid."
Manchmal kommt mir dieser Verein wie ein Gefängnis vor und Dimitri ist der Oberaufseher.
Zum Glück kam Doris mit, Tobias besuchen. So konnte ich mich wenigstens mit jemandem während der Fahrt unterhalten. Sie wollte natürlich wieder wissen, ob ich Heiko schon angerufen hätte. Ich habe ihr von dem Brief erzählt.
"Wie romantisch."
"Da war nichts romantisches dabei. Es war ein ganz normaler Brief. Und meine Antwort ebenso."
"So langsam frage ich mich, wer von euch am ehesten mit dem Klammerbeutel gepudert ist."
"Wieso?"
"Na er, weil er nicht merkt, was du für ihn empfindest oder du, weil du es nicht fertigbringst, es ihm zu sagen."
"Ich glaube, wenn er jetzt vor mir stehen würde, würde ich es ihm sagen."
"You tell! Das glaubst du doch selbst nicht."
"Ach was weiß ich denn." Die Diskussion brachte nichts und ich blicke aus dem Zugfenster.

Tobias hat sich riesig gefreut, uns zu sehen. Sie haben gestern richtig mit der Chemotherapie angefangen. Er meint, im Moment ist ihm nur kotzübel, aber das wäre auch alles. Am Samstag kommt er zurück. Aber er darf drei Monate nicht in die Schule, weil er sich wohl mit irgendwelchen Infektionen anstecken könnte. Ich bin überrascht, wie gut er das alles wegsteckt. Aber wahrscheinlich zeigt er es und nur nicht, wie es ihm wirklich geht.
"Ich bin ja wirklich froh, daß ich gar nicht weiß, was man alles so für Krankheiten bekommen kann. Ich meine ich habe ja schon tierisch Schiß dafür, was so alles mit Lena passieren kann, jetzt so in der ersten Zeit."
Wir waren auf dem Weg zum Bahnhof. Und ich nickte. Auf dem Bahnhof ist ja dann wieder was passiert, was mir zu denken gibt. Ich glaube, ich bin viel zu leicht zu durchschauen im Augenblick. Doris war nochmal zum Imbißstand getapert, weil sie sich eine von diesen ekligen Käseteilen holen wollte. Ich stand einfach nur da und studeirte den Fahrplan. Natürlich stand ich nicht einfach nur so da und studierte den Fahrplan. Aber egal.
"Wann geht der nächste ICE nach Köln?"
"19:48 Uhr mit Umsteigen in Mannheim", antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
"Nicht mal eine Mark für deine Gedanken", prustete Doris, "du bist so was von durchschaubar."
Es war mir peinlich. Aber Shit, ja, natürlich hatte ich geguckt, wann die Züge nach Köln gehen.
Doris ließ nicht locker. Als wir in unserem Regionalexpress nach Bergbach saßen, fragte sie mich doch allen Ernstes: "Eine kleine heimliche Affäre, wie würde dir das gefallen?"
"Doris, bitte, ich habe Nils und Heiko hat seinen Matthes. Wir beide sind Hunderte von Kilometern weit voneinander weg. Was also meinst du mit Affäre?"
"Ich frage mich nur, wie du es finden würdest, wenn ihr beide eine heimliche Affäre miteinander hättet."
"Da ist nichts heimlich. Meine Güte, Matthes weiß Bescheid und Nils doch auch. Mehr oder weniger."
"Gib es zu, du schwärmst von dem Gedanken, daß ihr euch beide heimlich trefft und eben doch irgendein Verhältnis habt."
"Wir sind doch hier nicht in irgendeiner Soap bei GZSZ."
"Das Leben ist manchmal schriller als jede Soap."
"Ich verstehe dich nicht, ich verstehe dich echt nicht. Was soll das denn jetzt? Erst versuchst du, mir Heiko auszureden und ganz plötzlich willst du ihn mir einreden. Willst mich sogar zu irgend etwas anstiften."
"Ich brauche dich zu nichts anzustiften. Ich brauche dich nur anzuschauen und schon weiß ich genau was du denkst."
Ich schwieg und drückte mein Nase gegen das Fenster. Ich schwieg und wollte die Gedanken vertreiben. Aber sie hatte verdammt noch mal so recht. Das war es was ich wollte. War es das tatsächlich? Ich glaube, ich hatte diesen Gedanken schon tausendmal vorher gehabt und ihn immer wieder weggewischt. Was war es denn nun? War es tatsächlich Liebe?
"Wie soll ich denn bitteschön eine Affäre mit ihm hinbekommen? Erstens, einfach ganz rein praktisch, wohnt er in Köln und ich in Bergbach. Sind ja nicht gerade die besten Voraussetzungen. Und dann...", ich hielt es nicht mehr aus auf dem Sitz und ging auf und ab. Zum Glück war niemand sonst in der Nähe. "Und dann, WEISS er es doch gar nicht, was ich für ihm empfinde. Wie soll denn daraus irgendwas entstehen?"
"Wenn ihr schon nicht miteinander reden könnt, dann kannst du es ihm ja schreiben."
"Toll, so einen richtig tollen Liebesbrief, mit Herz und Schmerz?"
"Warum nicht?"
Ich ließ mich wieder in meinen Sitz fallen und gab es auf. Was sollte ich ihr widersprechen, wenn sie sowieso in so vielen Sachen recht hatte? Den Rest der Zugfahrt starrte ich nach draußen. Und ich glaube, ich hatte Tränen in den Augen.

Dienstag, 20. Mai 1997

20. Mai

"Hallo Tim"
Da stand nicht "Lieber Tim" da stand einfach nur "Hallo Tim" und trotzdem dachte ich, mein Herz würde stehenbleiben als ich den Brief aufgemacht hatte. Ich habe Post bekommen. Einen Brief von Heiko!!! Der erste Satz klang so etwas vorwurfsvoll, so warum ich mich nicht mehr bei ihm gemeldet hätte. Aber dann war es ein richtig schöner Brief. Es steht nichts drin, was wirklich weltbewegend ist. Eigentlich fragt er mich nur, wie es mir geht und er erzählt eine ganze Menge Sachen, die er in der Zwischenzeit so erlebt hat. Wirklich keine dramatischen Sachen. Aber einfach nur die Tatsache, daß er mir schreibt, daß ich einen Brief von Heiko in den Händen halte, bringt meinen Kopf wieder durcheinander. Er hat mir geschrieben. ER hat MIR geschrieben. Ich lese ihn immer und immer wieder. Versuche hinter jeder Zeile, hinter jedem Wort eine besondere Bedeutung zu entdecken.

Jetzt gehe ich erst einmal zum Krafttraining.

Ich hatte ja total vergessen, daß ich nach dem Krafttraining noch eine Stunde Training mit Werner habe. Zum Glück kam er in den Kraftraum und hat mich abgeholt. Nils kam mit, saß aber die ganze Zeit am Mattenrand. Einige Male habe ich seinen Blick aufgefangen. Er grinste und nickte mir zu. Aber das Training war wieder echt gut. Ein Griff. Von Anfang bis Ende, jede einzelne Bewegung in Zeitlupe bis alles sitzt, dannn schneller, immmer schneller. Dann aus den unmöglichsten Situationen heraus. Es ist wirklich so, als würden sich die Bewegungen in mein Gehirn einritzen. Ich denke jetzt noch an jeden Ablauf.
"Interessante Trainingsmethode", meinte Nils, als ich von der Matte kam.
"Aber anstrengend."
"Willst du vielleicht lieber Fußball spielen?"
"Nee, bestimmt nicht."
Nils äffte mein "Nee" nach: "Schon komisch, wie schnell du zwischen Schwäbisch und Platt umschalten kannst."
"Ich rede doch kein Schwäbisch", protestierte ich.
"Ei sicher, das merkst du nur nicht."
Das traf mich dann doch. Sollte ich mich schon so weit angepaßt haben in dem Jahr, daß ich genauso vor mich hin schwäbele wie alle anderen hier?
"Außerdem", korrigierte ich ihn, "ist das kein Plattdeutsch sondern Hanseatisch, das ist ein Unterschied."
Nils verdrehte die Augen: "Klingt für mich alles gleich."
"Schwarzfüßler und Brotfresser", konterte ich und ich wußte, daß ich ihn damit herovrragend aufziehen konnte. Und so jagten wir uns durch die Umkleide, bis die Leute von der Ersten kamen und wir uns benehmen mußten.

Nun sitze ich hier, vor mir der Brief von Heiko. Ich antworte. Ich antworte noch heute. Mein Kopf ist voll mit Sätzen und Gedanken. Und ich weiß, daß es mir viel leichter fällt, ihm zu schreiben, als ihn anzurufen.

So der Brief ist weg. Ich habe ihn gerade zum Kasten gebracht. Aber er wird heute nicht mehr geleert. Dieses Kuhkaff! Naja, dann bekommt er ihn eben übermorgen. Ich habe jede Menge geschrieben. Eigentlich auch nichts Dramatisches, aber ich habe einfach geschrieben, geschrieben und auf einmal waren drei Seiten voll. Eigentlich habe ich ja mit dem Gedanken gespielt, ihm zu schreiben, wie es mir wirklich geht. Was ich wirklich für ihn fühle. Aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Vielleicht irgendwann, irgendwann, wenn wir uns mal wieder persönlich gegenüberstehen und ganz alleine sind, vielleicht dann. Ich bin so ein Feigling!

Montag, 19. Mai 1997

19. Mai

"Und Tim, was hat Florian falsch gemacht?"
Videoanalyse vom Wettkampf am Samstag. Und obwohl ich nicht mitgemacht habe stand ich auf einmal wie ein dummer Schuljunge da und mußte auf dem Video erklären, wer was falsch gemacht hat. Es ist ja immer leicht so im Nachhinein oder auch von außen zu sagen, was der andere hätte machen sollen. Da fallen einem immer die besten Ideen ein. Nur natürlich nicht im Kampf. Aber bei dem Kampf von Flori fiel mir nun überhaupt nichts auf, ich fand jedenfalls, daß er alles richtig gemacht hat. Dimitri meinte aber, daß die Beinstellung nicht richtig war und so haben wir die halbe Trainingsstunde über unterschiedliche Beinstellungen und Beinangriffe geübt. Öde. Selbst Nils fand das wohl ziemlich langweilig, denn wir haben immer wenn es ging gequatscht, was natürlich Dimitri wieder total aufgeregt hat.

Na wenigstens sind wir hinterher noch alle Eis essen gegangen, was ganz witzig war, weil die im Venezia natürlich schon längst Schluß machen wollten. Aber wir haben dann doch noch etwas gekriegt und es war total nett.

Zu Hause habe ich gleich noch mal Doris angerufen, weil ich heute gar nicht richtig dazu gekommen bin, mit ihr über Tobias zu quatschen. Sie hat erzählt, daß sie nachgelesen hat und daß die Chancen für ihn wohl wirklich recht gut stehen.
Es ist wirklich ein komisches Gefühl, wenn man merkt, daß jemand, den man kennt, so eine schlimme Sache hat. Wenn ich so überlege, habe ich da ziemlich Glück gehabt bisher, weil niemand in meiner Family oder auch sonst niemand, den ich näher kenne richtig ernsthaft auf Dauer krank war oder sogar gestorben ist. Eine grauselige Vorstellung.

Sonntag, 18. Mai 1997

18. Mai

"Es heißt Morbus Hodgkin. Die Ärzte meinen, daß man es ganz gut behandeln kann. Mit einer Heilungschance von 98%"
Da sitzt Tobias und sieht eigentlich aus wie immer. Nein, er sieht nicht so aus wie immer. Am Hals hat er ein großes Pflaster, ein Infusionsschlauch verschwindet irgendwo in einem Verband an seiner Hand. Ich habe einen Kloß im Hals und bin gleichzeitig dankbar, daß Nils und Doris bei mir sind. Tobias erzählt und er erzählt, als wenn es gar nicht seine Krankheit ist sondern als wenn er ein Referat in Biologie hält. Er wirkt auf einmal so unendlich erwachsen. Es ist so eine Art Leukämie oder ein Krebs von den Lymphknoten. Diese komische Halsentzündung, diese Schwellung, die er hatte, das waren wohl die ersten Zeichen davon. Er meint, dadurch, daß das alles noch sehr früh erkannt worden ist, sind die Chancen wohl gut. Nun bekommt er für mehrere Monate Medikamente. Ihm werden die Haare ausfallen und alles solche entsetzlichen Sachen. Nächste Woche kommt er aber zurück nach Hause und kann die Kontrollen wohl bei uns in Bergbach im Krankenhaus machen.

Ich werde dieses Bild nicht mehr los. Dieses Bild, wie er uns am Fahrstuhl verabschiedet, mit diesem schrecklichen Gestell mit der Infusionspumpe dran neben ihm. Und so unendlich tapfer. Und ich kann immer noch nichts Gescheites sagen. Nur, daß ich ihn besuchen werde, sobald er wieder zurück ist.

Dad wartet auf dem Parkplatz auf uns. Eine stille Rückfahrt, jeder hängt wahrscheinlich seinen Gedanken nach. Wir setzen Doris zu Hause ab. Nils kommt noch mit zu mir.
"Ich war mal in Tobias verknallt", sage ich ihm, als wir allein in meinem Zimmer sind.
"Ich weiß, das hast du mir irgendwann mal erzählt. Und wie geht es dir jetzt?"
"Ich mache mir Gedanken darüber, daß ich seit Ewigkeiten nicht mehr mit ihm geredet habe."
Nils nickt und drückt mich: "Vorwürfe?"
"Vielleicht ja. Ich bin mir nicht sicher. Ich bekomme einen Schreck, wie schnell man einen Menschen vergessen kann. Wie schnell jemand unwichtig wird."
"Aber er ist doch nicht unwichtig für dich. Immerhin geht es dir schon mächtig an die Nieren. Auf jeden Fall warst du heute da und hast ihn besucht. Und das ist gut so"
Ich nickte. Und drückte ihn ganz fest. Es ist schön, daß er da ist.

Samstag, 17. Mai 1997

17. Mai

"Hast du von Tobias gehört?"
Es war halb acht Uhr morgens und Doris klang total aufgeregt. Es dauerte einen Augenblick bis ich halbwegs klar denken konnte: "Nein, was ist denn mit ihm?"
"Er ist in der Klinik in Stuttgart."
"Und wieso?"
"Ich weiß es nicht. Meine Mutter hat gestern zufällig seine Mutter am Bahnhof getroffen und sie haben nur ganz kurz miteinander geredet."
"Ja und was HAT er nun?"
"Ich weiß es nicht. Ich dachte du wüßtest etwas. Schließlich seid ihr ja befreundet oder ward es mal."
"Ich weiß es nicht. Ich versuche es aber mal rauszubekommen."
Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Tobias. Tobi, in den ich doch mal so verknallt war. Was ist mit ihm? So ein Mist. Ich war wirklich so total mit meinen Sachen beschäftigt, daß ich mich schon gar nicht mehr daran erinnern kann, wann ich das letzte Mal länger mit ihm geredet hätte. Ich versuchte, bei ihm zu Hause anzurufen, aber es ging niemand ans Telefon. Ich taperte runter zum Frühstück und fragte Mom und Dad, was man machen könnte, um rauszukriegen, in welchem Krankenhaus er denn ist.
"Also, wenn er in Stuttgart ist, dann muß es ja wohl was Ernstes sein. Also nichts mit Marienhospital oder so. Versuche doch mal in der Uniklinik anzurufen."
Ich hing eine halbe Ewigkeit in der Warteschleife, dann landete ich endlich irgendwo in der Telefonzentrale. "Zimmer zwölf, auf der Onkologie." Er hatte kein Telefon dort. Ich legte auf. Schlug nach, was Onkologie heißt und bekam einen riesigen Schreck. Das ist tatsächlich irgendwas mit Krebs. Ich dachte ja wirklich zuerst, daß er vielleicht irgendwas mit dem Blinddarm hat, oder vom Rad gefallen wäre oder so was. Ich versuchte noch mal seine Mutter anzurufen, aber es ging immer noch niemand an's Telefon.
"Er liegt auf der Krebsstation", sagte ich
Mom und Dad schauten mich ernst an: "Weißt du, was er hat?"
"Nein, er hat da kein Telefon und seine Mutter meldet sich auch nicht."
Es war ein stiller Vormittag. Irgendwann rief ich Nils an und erzählte ihm, was ich erfahren hatte. Ich hörte, wie er am anderen Ende der Leitung schluckte. Dann rief ich Doris an. Wir verabredeten uns, daß wir morgen nach Stuttgart fahren und versuchen wollen, ihn zu besuchen. Dad hat sich angeboten, uns hinzufahren und ich glaube, daß werde ich auch machen.

Nils kam vor dem Turnier vorbei und wollte mich abholen. Ich sagte ihm, daß ich nicht in der Stimmung bin, um zuzuschauen. Er nickte. Ich saß den ganzen Nachmittag in meinem Zimmer, guckte aus dem Fenster und dachte darüber nach, wann ich wirklich das letzte Mal längere Zeit mit Tobias geredet hatte. Ich habe mein altes Tagebuch vorgekramt. Oh Gott, was war ich damals in ihn verknallt, verliebt, was weiß ich. Und jetzt? Ich merke, wie ich durch den Wind bin, seit ich weiß, daß er Krebs hat. Aber was hat er genau? Etwas Bösärtiges oder was, was man operieren kann?

Telefon! Nils ist dran. Er fragt, ob er vorbeikommen kann. Ich freue mich darauf, ihn zu sehen. Einfach darüber, daß er vorbeikommt.

Freitag, 16. Mai 1997

16. Mai

"Und, hast du ihn schon angerufen?"
"Wen?"
"Na Heiko!"
Ich mag Doris wirklich gerne. Richtig wirklich. Aber es gibt Situationen in denen würde ich ihr am liebsten eine runterhauen. Und das war so eine Situation.
"Fragst du mich das jetzt bis zum Abi jeden Tag, ob ich Heiko angerufen habe?"
"Vielleicht."
"Ich kann ihn nicht anrufen. Ich weiß, daß ich jetzt dran wäre. Aber das packe ich nicht. Ich schaffe es einfach nicht. Ich würde kein Wort rauskriegen. Außerdem hätte ich das Gefühl, mich aufzudrängen und ihm hinterherzulaufen."
Doris blickte mich lange an: "Na das letzte stimmt ja immerhin. Wer hunderte von Kilometern fährt, nur um einen Typen wiederzusehen, der außerdem auch noch einen Freund hat...und da traust du dich nicht, ihn anzurufen? Aus dir soll man schlau werden."
"Wieso sollte es dir besser gehen als mir. Ich verstehe mich doch selber nicht."
"Hat er einen Scall? Dann könntest du ihm wenigstens mal eine Nachricht schicken."
"Nein, ich glaube nicht."
"Nils kommt."
"Na, haltet ihr wieder Kriegsrat?"
Ich lächelte gequält: "Nö, jedenfalls nichts weltbewegendes."
"Hat dir Tim eigentlich schon erzählt, daß er jetzt Privatstunden, beim Bundesligatrainer hat?" fragte Nils Doris.
"Nein, hat er nicht. Das ist doch ein Witz oder?"
Ich grinste und blickte in den Himmel.
"Nein, das ist kein Witz. Wenn er so weitermacht, ist er noch bei der Olympiade in Sydney dabei."
"Ich finde ja immer noch, daß dieser Sport nicht zu ihm paßt. Zu dir übrigens auch nicht."
"Wieso?" fragten Nils und ich gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen.
"Also zu Silvio paßt das ja. Aber ihr beide seit doch sonst auch nicht zu Brutalos. Oder sind mir da noch irgendwelche sexuellen Vorlieben verborgen?"
"Das hat doch nichts mit Brutalo zu tun. Ich fasse es nicht! Ich dachte, wenigstens DU hättest das inzwischen verstanden." Ich redete mich richtig in Wut. Nils stand nur grinsend daneben und ließ mich reden. Als ich fertig war, wandte sich Doris an ihn: "Hast du eine Gehirnwäsche mit ihm gemacht? Er ist ja schon genau so drauf wie du."
"Dazu braucht es keine Gehirnwäsche. Wenn es erst mal jemanden erwischt hat, dann hat es einen erwischt."
"Männer", seufzte sie.
Zum Glück klingelte es und wir konnten diese unseelige Diskussion beenden.
In der zwiten großen Pause fragte mich Flo, ob ich wüßte was mit Tobias los ist.
"Nein, keine Ahnung."
Shit, ich war so sehr mit meinen Sachen beschäftigt, daß ich gar nicht mitbekommen hatte, daß Tobias seit Dienstag nicht mehr in der Schule war. Ich habe nach der Schule bei ihm zu Hause angerufen, aber es ist niemand rangegangen. Ich werde es morgen noch mal versuchen. Aber so schlimm kann es ja eigentlich nicht sein, wenn er nicht zu Hause ist.

Am Abend hat sich unser InnerCircle bei Nils getroffen. Es war richtig nett. Auch ohne, daß wir uns mit Unmengen von Alk zugeschüttet haben. Sogar Max war halbwegs klar die ganze Zeit über. Er hat von seiner neuen Eroberung erzählt. Irgendein blondes Naivchen aus der Keßler-Schule. Naja, dann kamen natürlich wieder diese tyischen Fragen, wann ICH mir denn mal ein Mädel zulegen würde. Schon komisch, daß sie nur mich fragten und nicht Nils. Wahrscheinlich nehmen sie bei ihm sowieso an, daß er mit dem Ringen verheiratet ist. Nun ja, ich habe halt wie immer mit meiner Standardantwort reagiert, daß bei dem Angebot an Mädels ja sowieso nichts für mich dabei ist. Was hätte ich denn auch sagen sollen. Na klar, am liebsten hätte ich Nils in den Arm genommen, geknuddelt und gesagt, daß ist mein Freund und fertig. Aber das habe ich natürlich nicht gemacht.
Als die anderen weg waren, saßen Nils und ich noch eine halbe Ewigkeit zusammen. Einfach nur so. Er hatt den Kopf auf meine Schulter gelegt und wir hörten Enya. Seit ich mit ihm zusammen bin, höre ich solche ronatische Musik. Es ist schon seltsam. Aber es ist auch schön. "Pennst du heute hier?"
Ich schüttelte den Kopf: "Ich muß mich mal ein bißchen öfters zu Hause sehen lassen. Meine Mom ist schon kurz vor dem Durchdrehen."
Nils nickte, als kannte er das. Einen langen, wunderschönen Kuß zum Abschied.
Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr los. Als ich an unserer Kreuzung vorbei kam, hielt ich an. Und anstatt nach links fuhr ich nach rechts in Richtung Innenstadt. Ich weiß nicht wieso. Vorbei an unserer Trainingshalle fand ich mich plötzlich mitten in der ausgestorbenen Fußgängerzone wieder. Es war eine total unwirkliche Situation. Die Stadt war leer. Selbst Podium und Carpaccio waren zu. Es war absolut still, nur das leise Plätschern des Marktbrunnens. Da stand ich und war in einer ganz seltsamen Stimmung. Ich weiß gar nicht, was für eine Stimmung das war...es war nicht traurig, es war nicht happy...ich weiß es nicht, es war einfach nur seltsam. Irgendwann berappelte ich mich dann und fuhr wieder zurück. Die Friedrichstraße zog sich eine halbe Ewigkeit lang, unsere Kreuzung. Ich war müde. Den Hügel hoch, endlich zu Hause. Auf meinem Schreibtisch ein Zettel: 'Doris anrufen!' Ich glaube nicht, daß ich sie um diese Uhrzeit noch stören kann. Das muß Zeit bis morgen haben.

Ich werde einen Brief schreiben. Einen Brief an Heiko. Ich werde ihm schreiben, wie es mir geht, wie ich mich fühle, was ich für ihn fühle. Es muß raus. Es muß endlich raus.

Ich sitze und versuche, den Brief an Heiko zu schreiben, aber ich bekomme nicht einmal den ersten Satz hin. Verdammt, was ist nur los?

Donnerstag, 15. Mai 1997

15 Mai

"Und, wann rufst DU ihn an?"
Ich schaute Doris verwirrt an: "Wieso ich?"
"Na immerhin hat er dich angerufen. Jetzt bist du dran?"
"Ich? Was soll ich denn sagen? Und überhaupt. Wieso meinst du denn plötzlich, daß ich mich bei ihm melden soll? Warst du es nicht, die mir gesagt hat, ich soll ihn vergessen?"
"Ja schon, aber..." Doris sprachlos. Doris war einfach nur sprachlos. Dann meinte sie: "Aber ich merke doch, wie sehr er noch in deinem Kopf rumgeistert."
"Und ich befürchte, das wird er noch eine ganze Weile."
"Vielleicht solltest du ihm wirklich sagen, was du für ihn empfindest."
"Ach ja? Und was soll das bringen?"
"Klarheit, Ehrlichkeit. Für beide Seiten."
"Toll, ganz toll. Er wird sagen, da ist von seiner Seite aus nicht mehr als Freundschaft. 'Laß und doch einfach Freunde bleiben', wird er sagen. Und dann wird nichts mehr passieren. Wir werden uns nie wieder sehen und das war's dann. Das würde alle kaputt machen."
"Wieso bist du dir da so sicher?"
"Ich kenne ihn."
Doris gluckste: "Das ist nicht dein Ernst. Wie gut kennst du ihn? Wie lange kennst du ihn?"
Ich schwieg. Warf meine Coladose die Brüstung runter, so daß sie scheppernd auf dem Vordach landete. "Ich packe es nicht, mit ihm darüber zu reden."
"Du willst ihn einfach nicht verlieren", meinte sie und es schien ihr etwas klar zu werden. "Egal, als was, du willst ihn einfach nur irgendwie nicht verlieren. Und wenn es nur ein guter Freund ist. Du willst ihn behalten oder halten."
"Ich glaube, damit hast du gar nicht so unrecht."
"Ihr Männer seid so kompliziert."
"Das Leben ist so kompliziert."
"Was weißt du denn schon vom Leben? Was wissen WIR denn schon vom Leben? Tu nicht so altklug. Immerhin bin ICH das Einzelkind."
Nils kam an: "Tach die Damen."
Ich buffte ihn und grinste: "Selber Dame!"
Das Leben ist schon seltsam. Seltsam, verworren und kompliziert.

Mittwoch, 14. Mai 1997

14. Mai

"Du hast Privatstunden bei Werner?"
Nils Blick war eine Mischung aus Erstaunen und Neid.
"Ja."
"Wieso? Ist es etwa tatsächlich noch wegen Heiko. Willst du etwa immer noch irgendwann mal gegen ihn gewinnen?"
"Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht nein. Vieleicht will ich einfach nur besser werden."
"Haben dir unsere privaten Sessions nicht ausgreicht?"
"Nils darum geht es nicht. Vielleicht liegt es ja nur auch einfach daran, daß ich etwas können will, was die anderen nicht können." Nils Blick verwandelte sich in ein amüsiertes Grinsen.
"Regio-Turnier? Badische Jugendmeisterschaften? Woran lassen wir dich denn teilnehmen?"
"Wir LASSEN den Tim nicht irgendwo teilnehmen. Tim entscheidet selbst, woran er teilnimmt."
"Das glaubst aber auch nur du. Du bist immer noch Mitglied in diesem Verein."
Ich biß mir auf die Zunge. Ich wollte nicht mit ihm darüber streiten. Er wußte ganz genau, was ich über dieses Über-den-Kopf-hinweg-Entscheiden denke.
"Ich gebe zu, ich beneide dich, um die Sessions mit Werner."
"Na dann mach doch mit."
"Nein, laß mal. Erstens glaube ich nicht, daß ihm das recht wäre. Und zum Zweiten ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn du mal ein bissele was zusätzlich lernst."
Nils schaffte es, aus jeder Situation, etwas Positives für's Ringen rauszuziehen.

Dienstag, 13. Mai 1997

13. Mai

"Wieso willst du denn noch zusätzlich trainieren?"
Werner guckte mich verwundert an. Ich war heute alleine zum Krafttraining getapert, weil Nils irgendwas mit seiner Mutter erledigen mußte. Und da lief mir Werner über den Weg und ich hatte die verrückte Idee, ihn einfach mal zu fragen, ob er mir nicht noch einige zusätzliche Griffe beibringen könnte.
"Das ist doch nicht so, daß man jemandem mal kurz ein, zwei Griffe zeigt und schwupps, kann er die. Das muß man trainieren, trainieren und trainieren. Und irgendwelche tollen Spezial- oder Geheimgriffe, die keiner kennt, gibt es erst recht nicht beim Ringen."
"Schade eigentlich."
Werner überlegte. Schließlich sagte er: "Ok, paß auf. Das Training der Ersten fängt um halb acht an. Vorher machen wir einige Male eine Stunde lang Spezial-Training. Ok?"
"Ja, na klar!"

Ich war glücklich. Ich bekomme Extrastunden beim Trainer der Ersten Mannschaft. Cool. Und die erste Session war heftig. Er machte Übungen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Und er zeigte mir einen Griff. Einen Griff, den ich schon hunderte Male auch bei Dimitri geübt hatte. Aber Werner zeigte mir jedes Detail, puzzelte jede Bewegung auf, ließ ihn mich immer und immer wieder ganz langsam wiederholen. Bis ich schließlich gar nicht mehr anders konnte, als ihn richtig zu machen.

Montag, 12. Mai 1997

12. Mai

"Hi Timmi, ich bin wieder da!"
"Doris, cool...ich dachte du bist noch krankgeschrieben."
"Nö, mir geht es so gut und ich bin fit und überhaupt, ich habe voll Lust auf die Schule."
"So eine Entbindung soll seltsame Gehirnveränderungen hervorrufen", tuschelte Nils und wir prusteten los. Ach schön. Doris ist wieder da. Alles ist so wie früher. Natürlich haben die Leute jede Menge Fragen. Und alle meinen, sie soll das Baby doch mal mitbringen und überhaupt.

Das Training war heute total öde. Fast nur Kondition, keine neuen Griffe, keine Technik. Aber ich war auch nicht so toll drauf heute.

Sonntag, 11. Mai 1997

11. Mai

Das ist ungerecht. Absolut ungerecht. Gerade als ich fast fertig war mit dem Tagebuchschreiben, klingelt das Telefon. Ich dachte, es wäre Nils. Es war aber nicht Nils. Es war Heiko. Heiko! Denn ich schon fast einen ganzen Tag aus meinen Gedanken verbannt hatte. Heiko rief an! Heiko rief MICH an! Mein Herz schlug Purzelbäume, ich wußte gar nicht richtig, was ich sagen sollte. Aber das war auch nicht nötig. Heiko redete. Und das reichte. Ich hörte zu und war schon wieder ganz und gar hin und weg. Ich weiß gar nicht, wieso er überhaupt angerufen hatte. Einfach nur so um zu quatschen. Und ich genoß es. Ich genoß jede Minute.
Jetzt sitze ich wieder hier und in meinem Kopf herrscht Achterbahn. Was habe ich gerade geschrieben, über meinen Tag mit Nils, mit meinem Nils? Verdammt nochmal, wieso bekomme ich Heiko nur nicht aus meinem Kopf? Will ich ihn überhaupt heraus bekommen? Wenn ich ehrlich bin: nein!
"Das war richtig gut heute Abend."
Ich nickte, reden konnte ich kaum mehr. Ich ließ mich in den Sitz fallen und schloß die Augen. Wir haben beide bis zur Erschöpfung getanzt. Ich weiß gar nicht mehr richtig, wie wir es überhaupt zum Bahnhof geschafft haben. Nicht daß wir zu viel Alk intus gehabt hätten, ich glaube jeder von uns nur drei Bier. Aber insgesamt waren wir doch total geschafft und fertig. Wir pennten sogar ein im Zug. Hand in Hand, Nils hatte seinen Kopf auf meine Schultern gelegt. Es gibt Situationen, in denen einem alles egal ist, ob jemand uns sieht. Wir waren einfach nur kaputt und hätten sogar fast noch den Halt in Bergbach verpennt. Wir traten auf den häßlichen Vorplatz und waren uns einig, daß wir beide absolut keine Lust hatten, uns mit unseren Rädern nach Hause zu quälen. Also leisteten wir uns den Luxus einer Taxe, die uns brachte. Blöd nur, daß wir uns nicht richtig verabschieden konnten, denn ich glaube ich kenne den Taxifahrer, das ist ein Bruder von unserem Bäcker. So eine Kleinstadt ist echt Mist manchmal. Was heißt manchmal, eigentlich immer. Zu Hause traf ich auf Mom, die schon in der Küche wurschtelte.
"Na, der Herr, Frühstück oder nicht?"
Ich war einfach zu fertig, um auf den gereizten Ton in ihrer Stimme zu reagieren und meinte nur, daß ich jetzt pennen gehen würde. Das tat ich dann auch.
Als ich auchwachte, war es kurz nach vier am Nachmittag. Und ich fühlte mich total frisch. Hunger hatte ich und so taperte ich nach unten und nahm am Familienkaffee teil. Ich glaube ich habe vier Stück Baumkuchen verschlungen.
"Du mußt regelmäßiger essen, Junge."
"Ja", antwortete ich gequält. Ich gebe ja zu, sie hat recht. Aber ich bin ganz froh, daß ich mein Gewicht so halten kann.

Das Telefon klingelte und Nils war dran. Er fragte ganz lieb, wie es mir geht. Wir haben uns am Kochertalweg verabredet. Da haben wir gesessen, bis es langsam dunkel und kalt wurde. Einfach nur da, aneinandergelehnt. Ohne viel zu reden. Es ist so schön, ihn zu spüren. Zu wissen, daß er da ist. Ich höre auf den Klang seiner Stimme. Ich atme seinen Geruch. Ich drücke seine Hand ganz fest und atme tief durch. Das ist Nils mein Nils.

Samstag, 10. Mai 1997

10. Mai

"Und er hat das einfach so weggesteckt?" fragte Doris.
"Es sieht so aus. Ich bin selber überrascht. Ich glaube nicht, daß es ihm leichtgefallen ist. Aber irgendwie schien es mir, als hätte er es sich vorher schon überlegt."
"Nun ja, das war ja auch nicht zu übersehen."
"Was?"
"Daß du verknallt bist."
"Das war nicht zu übersehen? Wieso denn das?"
"Eine Frau sieht so was."
"Na toll. Anscheinend hat mir das die halbe Welt angesehen."
"Immerhin die, die dich kennen. Wie wird das denn jetzt weitergehen, mit Heiko?"
"Ich weiß es nicht. Ich hoffe, ich kann ihn vergessen. Irgendwann."
"Das glaubst du doch selber nicht."
"Wie meinst du das?"
"Das ist doch noch nicht ausgestanden."
"Ich hoffe doch."
"Tim, du bist reichlich naiv. Auch wenn Nils dir vergeben hat, auch wenn er dir alle Türen offenläßt. Aber du, du bist noch nicht fertig mit Heiko."
"Natürlich nicht. Denkst du denn, daß das so schnell vorbei geht?"
"Nein, so was geht nicht schnell vorbei bei dir. Das habe ich inzwischen gelernt."
Neee, was wollte sie denn? Noch vor ein paar Tagen hatte sie mir Heiko ausreden wollen, so nach dem Motto, er hat einen Freund und wohnt Hunderte von Kilometern weit weg. Und nun? Manchmal werde ich aus Doris nicht schlau. Aber was soll's. Jetzt werde ich mich fertig machen, Nils und ich gehen heute ins X1 und ich habe richtig Lust zu tanzen.

Freitag, 9. Mai 1997

9. Mai

"Wo ist denn Nils heute?" fragte mich Flo.
Ich wußte es nicht. Doch ich ahnte es. Und ich hatte ein miserables Gefühl. Jede Minute hoffte ich, daß er doch noch kommen würde. Aber nichts passierte. 

Als der Gong, das Ende der letzten Schulstunde markierte, sprang ich auf und raste los. Ich trat in die Pedale, wie noch nie. Vor Nils' Haus war ich das Rad auf den Rasen und klingelte, klingelte wie wild. Gottseidank, Nils machte auf.
"Du warst heute nicht in der Schule."
Wortlos drehte er sich um und taperte in Richtung seines Zimmers.
Da standen wir. Wortlos gegenüber.
"Ich habe nachgedacht."
Shit, das klang nach nichts Gutem, mir wurde heiß und kalt.
"Vielleicht brauchst du das ja wirklich, das mit den anderen Jungs. Verdammt, ich will dich nicht verlieren."
Ich nahm ihn in den Arm und drückte ihn ganz fest.
"Es ist ok. Es ist ok, wenn du immer wieder zu mir zurückkommst."
Ich blickte ihn an. Vor mir stand mein Nils, mein Nils, der immer so stark war. Und auf einmal so zerbrechlich erschien. Was hatte er gesagt? Ich verstand es nicht, nein, ich konnte es nicht glauben. "Woher wußtest du es?"
"Du warst so anders. Entweder warst du mit deinen Gedanken so weit weg, oder du hast nur noch gestrahlt. Du hattest so ein komisches Lächeln auf dem Gesicht manchmal. Und außerdem, daß du auf einmal wie ein Bekloppter trainierst, alles was mit dem Ringen zu tun hat wie ein Schwamm aufsaugst und wie ein Wildgewordener ringst, das paßt alles nicht zu dir."
Ich nickte: "Ich will gegen ihn gewinnen. Irgendwann mal."
Nils blickte mich verwirrt an: "Gegen Heiko? Wieso? Wenn ich mich richtig erinnere, hast du doch im Trainingskampf gegen ihn gewonnen."
"Er hat mich gewinnen lassen. Ich bin mir absolut sicher, daß er mich hat gewinnen lassen."
"Und warum willst du gegen ihn gewinnen?"
"Ich weiß es nicht. Doch ich weiß es, um ihn zu beeindrucken."
"Um ihn zu beeindrucken? Was soll denn das für ein Unsinn sein?"
"Nils, ich weiß es nicht. In meinem Leben ist seit einiger Zeit so eine Menge Unsinn, den ich nicht erklären kann. Ja, um ihn zu beeindrucken, ihm zu imponieren, was weiß ich."
"Und was meinst du, erreichst du damit?"
"Ich weiß es nicht."
"Deswegen also die Sache mit dem Fritz-Hill-Turnier."
"Ja."
"Vergiß es. Wirklich, das ist griechisch-römisch. Das ist ein ganz andere Stil. Da würde ja sogar ich alt aussehen." Er lächelte. Und dieses Lächeln tat mir gut. Wir umarmten uns.
"Ich hab' dich lieb", flüsterte er in mein Ohr.
Ich drückte ihn so fest wie es ging als Antwort.
Wir haben den Rest des Nachmittags und des Abends zusammen verbracht. Wir haben nicht viel geredet. Wir brauchten nicht reden.

Ich glaube, im Moment geht es mir ganz gut.

Donnerstag, 8. Mai 1997

8. Mai

"Irgendwas ist mit dir."
Nils starrte mich durchdringend an. Ich hatte ihn zum allerersten Male in einem Trainingskampf richtig geschultert. Ich weiß nicht mehr wie, alles lief ganz automatisch.
"Wo du früher gezögert hast, machst du jetzt ganz automatisch das Richtige. Wo du früher unsicher warst, bist du auf einmal mit so einer Kraft dabei...was ist denn nur los mit dir?"
"Ich weiß es nicht. Vielleicht habt ihr mich ja einfach mit eurer Ringerei richtig angesteckt."
Nils schaute mich an. Es war ein anderer Blick als früher. Nicht mehr dieser Blick, in dem ich versinken kann aber auch nicht dieser kalte, stechende Blick. Es war ein fragender Blick, forschend und ich glaubte, er würde bis ins Innerste meines Gehirns, meiner Gedanken gehen.
"Was ist los mit dir?"
"Nils, ich weiß es nicht", antwortete ich schroff.
Er ließ nicht locker: "Du warst nicht nur in Düsseldorf, stimmt's? Du warst in Köln. Du warst in Köln bei diesem Heiko. Habe ich recht?"
Ich wußte, daß diese Frage kommen würde. Ich wußte, daß sie irgendwann kommen würde und ich habe es ja fast herbeigesehnt. Ich drehte mich um und ging in die Umkleide. Nils kam mir hinterher.
"Hast du Heiko getroffen, oder nicht?" Es war ein ganz simple Frage. Nicht aggressiv, nicht traurig...einfach nur eine Frage. Ich knallte die Tür von meinem Schrank zu und blickte ihn an. Schluß mit den Lügen, Schluß mit dem Theaterspielen.
"Ja, du hast recht. Ich habe Heiko getroffen."
Keine Reaktion, nichts, sein Blick blieb unbewegt. Nach einer halben Ewigkeit dreht er sich um und starrte an die Wand. "Bist du noch mein Freund?" fragte er.
Ich schluckte. Was für eine Frage.
"Nils, natürlich. Bitte, ich würde es dir so gerne erklären. Aber ich kann es nicht. Ich verstehe es selbst nicht."
Die Tür zur Halle ging auf. Dimitri stand da: "Macht jetzt jeder hier, was er will? Wir haben immer noch Training."
"Coach, bitte, lassen sie uns in Ruhe! Wir haben etwas zu besprechen!"
So hatte ich Nils noch nie mit Dimitri reden gehört. Der stutzte und verschwand.
Nils begann, sich anzuziehen. "Ich will raus hier. Laß uns gehen."
Wir fuhren los. Wir brauchten nichts zu sagen, wie durch Gedankenübertragung landeten wir beim Kochertalweg. Nils setzte sich auf die Wiese und blickte hinunter nach Bergbach.
"Nils, ich möchte, daß du weißt...", ich stockte, wußte nicht mehr weiter.
"Wieso Tim? Wieso?"
"Ich weiß es nicht. Ich verstehe es doch selbst nicht. Nils, bitte, ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich über alles. Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist."
Er schwieg. Ich hielt es nicht aus und umarmte ihn. Drückte ihn ganz fest. Er hatte Tränen in den Augen. "Was habe ich falsch gemacht?"
"Du hast nichts falsch gemacht", flüsterte ich in sein Ohr. "Es ist passiert. Einfach nur passiert."
Nils, mein Nils fing an zu schluchzen. Ich drückte ihn so fest wie es ging. Und ich fing auch an zu heulen. Was war das nur für eine verworrene Situation.
"Ich möchte, daß du weißt, daß ich dich liebe. Ich liebe dich, wirklich."
"Warum dieser Typ. Warum Heiko?"
"Ich weiß es nicht. Wenn ich es wüßte, wäre das vielleicht alles viel einfacher."
Nils schwieg. Ich wußte, was ihm im Kopf herum ging. Ich hatte tierische Angst davor, daß er mir diese eine Frage stellt. Die Frage, ob ich mit Heiko geschlafen habe. Ich wußte, ich könnte nicht mehr lügen. Ich wußte, daß ich ihm die Wahrheit sagen müßte. Aber aus irgendeinem Grund fragte er nicht. Er saß nur da und die Tränen liefen über seine Wangen: "Ich dachte, ich hätte endlich jemand gefunden, jemand, für den ich immer da sein kann, jemand den ich liebe und jemand, der mich auch liebt."
"Nils, daran hat sich nichts geändert. Das mit Heiko, das ist...das geht vorbei." Warum hatte ich nicht ‚das ist vorbei' gesagt?
Er drehte sich zu mir und schaute mich an. Langsam strich er mir über das Gesicht: "Ich will dich nicht verlieren."
"Du verlierst mich nicht. Du hast mich nie verloren."
"Und trotzdem bist du zu Heiko gefahren."
Ich seufzte. Ich kriegte keinen klaren Gedanken mehr zusammen. Ich wollte so viel sagen und doch war mein Kopf leer.

Plötzlich stand Nils auf: "Ich brauche etwas Zeit für mich. Wir sehen uns morgen." Er drückte mich kurz zum Abschied, schwang sich auf sein Rad und verschwand.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort noch gesessen habe. Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin. Jetzt sitze ich hier zu Haue, höre mindestens zum dreißigsten Mal dieses schrecklich traurige REM-Stück und bekomme doch nichts auf die Reihe. Ich weine nicht mehr. Meine Augen sind leer. Und ich verstehe nichts mehr, mein Kopf ist leer. Ich versuche Heiko mit aller Gewalt aus meinem Gehirn zu bekommen, doch je mehr ich es versuche, desto mehr Details kommen mir in Erinnerung. Nils, mein Nils verschwindet dann immer mehr in einem dichten Nebel am Horizont. Ich halte meine Hand über die Kerze, hoffe, daß mich der Schmerz wieder zu Verstand bringt. Irgendwann ziehe ich die Hand weg. Der Schmerz ist da, doch er verblaßt ganz schnell und die gleichen Gedanken wie vorher sind da. Ich gehe runter in die Küche. Mom und Dad sitzen im Wohnzimmer. Sie wissen nicht, wie es mir geht. Sie sollen es nicht wissen. Ich nehme die kleine Flasche Rum, die im Backfach steht und schmuggele sie in mein Zimmer. Ich merke, wie er beginnt zu wirken. Und ich merke wie mir alles immer mehr egal wird.

Mittwoch, 7. Mai 1997

7. Mai

"Hey Tim, aufwachen!"
Lisa stand vor mir und hüpfte herum. Ich war tatsächlich in diesem unmöglichen Stuhl an ihrem Bett eingeschlafen und weder Mom noch Dad hatten mich in der Nacht geweckt. Mir taten die Knochen weh, aber ich war froh, daß es ihr wieder so gut ging. Ich konnte wieder halbwegs beruhigt zur Schule gehen. In der dritten Stunde ging mir eine Sache nicht mehr aus dem Kopf: Woher glaubte Doris eigentlich, daß ich nach Düsseldorf fahre? Ich habe es ihr doch nicht erzählt; weder von Düsseldorf noch von Köln. Kaum war ich zu Hause, habe ich sie angerufen.
"Nils hat es mir erzählt. Ich habe ihn am Freitag angerufen, weil ich dich nicht erreicht habe und ich dachte du bist bei ihm."
"Was hat er erzählt?"
"Daß du wegen irgendeiner Familiensache mit deinem Vater nach Düsseldorf gefahren bist."
"Aha."
"Und da habe ich Eins und Eins zusammengezählt."
"Ich verstehe."
"Und wie geht es dir?"
"Oh, es gibt immerhin die eine oder andere Stunde, in der ich nicht an ihn denken muß."
Wir telefonierten, doch ich konnte fast sehen, wie sie den Kopf schüttelte.
"Du bist verrückt", meinte sie scherzhaft. Vielleicht hat sie damit ja nicht ganz so unrecht.

Lisa geht es zum Glück wieder top. Kein Husten mehr, sie springt herum wie sonst auch. Schön!

Dienstag, 6. Mai 1997

6. Mai

SHIT!
Als ich vom Joggen zurückkam, waren Mom und Dad in heller Aufregung. Lisa hat ein tierischen Husten bekommen und fast gar keine Luft mehr gekriegt. Mom hat wohl alles Mögliche probiert, aber nichts hat geholfen. Also haben wir sie eingepackt und in die Klinik gebracht. Ich durfte nich mit ins Behandlungszimmer mit rein und bin wie Dad beinahe irre geworden vor der Tür. Nach einer halben Stunde kam Mom mit Lisa auf dem Arm heraus und alles schien wieder in Ordnung zu sein.
"Pseudokrupp", meinte Mom, "das macht den Kehlkopf dicht. Sie haben ihr Cortison gegeben und jetzt geht es."
Mom meinte, daß sie Lisa eigentlich die Nacht über dabehalten wollten, aber darauf hat Lisa ganz doll angefangen zu weinen und Mom hat protestiert. Naja und jetzt haben wir Zäpfchen mitbekommen und mußten versprechen, daß Mom morgen gleich ganz früh mit ihr zum Kinderarzt geht. Ich glaube ich gehe jetzt noch mal rüber zu Lisa.
"Das ist ein griechisch-römisches Turnier. Das ist ja nun bestimmt nichts für dich."
Ich habe Nils gefragt, was dieses Fritz-Hill-Turnier ist, von dem ich gestern beim Training gelesen habe. Ich hatte für einen Moment die verrückte Idee, da würden sich alle Ringer aus den Jugendmannschaften in Berlin treffen.
"Außerdem fährt niemand hier einfach so irgendwo zu irgendeinem Turnier. Wenn, dann wird er vom Verein geschickt. Aber dich schicken wir nun garantiert nicht dahin."

Toll, super, danke, alles klar.
Nils blickte mich prüfend an: "Was ist denn bloß plötzlich mit dir los? Auf einmal willst du an irgendwelchen Turnieren teilnehmen?"
Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich verstehe mich selbst ja manchmal nicht mehr. Habe ich im Ernst daran gedacht, Heiko auf diesem Turnier zu treffen? Und selbst wenn...was soll denn das? Habe ich nicht erst vor zwei Tagen geschrieben, daß ich ih nicht mehr vermissen will? Und nun? Ich glaube ich bin wirklich ein bißchen durchgedreht. Ich schiebe den Gedanken an ihn so weit wie es geht beiseite und gehe jetzt noch ein bißchen laufen.

Montag, 5. Mai 1997

5. Mai

"Düsseldorf liegt in der Nähe von Köln!"
Ich war noch nicht mal ganz die Treppe unten, da rief mir Doris schon entgegen. Sie stand da wie ein kleiner dicker Racheengel, die Hände in die Hüften gestemmt und blickte mich wütend an. Ich drehte mich um, ob jemand hinter mir war. Niemand. Dann setzte ich mich. Ich setzte mich einfach auf die Treppe und schaute über sie hinweg zur Viereckschanze.
"So leicht, mein Lieber, kommst du mir nicht davon." Sie stieg die Stufen zu mir hoch. Wahrscheinlich wollte sie mir eine Riesenszene machen. Aber sie hielt inne als sie die Tränen in meinen Augen sah.
"Du warst in KÖLN, du warst bei Heiko!" Keine Frage, eine Feststellung.
Ich brauchte nich zu antworten, sie sah mich nur an und wußte es.
"Verdammt noch mal Tim, wache doch endlich auf! Der Typ wohnt hunderte Kilometer weit weg."

Der Morgen hatte eigentlich so gut begonnen. Der ganze gestrige Abend eigentlich auch schon. Dad und ich waren ohne Probleme und Staus schnell wieder zu Hause angekommen. Ich hatte den angeblichen Freundschaftskampf mit ein paar Details ausgeschmückt und damit war das Thema erledigt. Zu Hause habe ich sogar noch Nils angerufen und Bescheid gesagt, daß ich gut wieder zurückgekommen bin. Er hat sich gefreut, mich zu hören. Ich habe gut geschlafen, gefrühstückt, alles war easy, leicht. Bis zu dem Moment, als Doris unten an der "Himmelsleiter" stand und mir diesen Satz entgegenrief.
Ich fing an zu heulen. Es brach wieder aus mir heraus, ich konnte nichts dagegen tun. Doris setzte sich neben mich, nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. Nach einer Weile fragte sie: "Hast du es ihm wenigstens gesagt?"
Ich schüttelte den Kopf: "Ich wollte, ich wollte es ihm sagen. Ich habe es nicht geschafft. Aber was hätte es auch gebracht?"
"Daß du endlich weißt woran du bist. Glaubst du, er empfindet etwas für dich?"
"Er hat einen Freund, also, was soll er für mich empfinden?"
"Männer!" stieß sie seufzend hervor "Also ich halte mal fest: Er hat einen Freund, wohnt in Köln und läßt Sprüche ab wie 'Dich hatte ich doch schon mal.' Vergiß ihn! Aber GANZ SCHNELL! Man müßte dich prügeln für jeden einzigen Gedanken, den du an ihn verschwendest."
"Er ist nicht so. Er ist, er ist ganz anders...", was machte ich da eigentlich? Ich versuchte, Heiko zu verteidigen.
"Hoffentlich passiert mir nie, nie, nie so was."
"Ich wünsche es dir jedenfalls nicht."
"Und wie soll das weitergehen?"
Statt einer Antwort schüttelte ich den Kopf: "Es wird gar nicht weitergehen. Nichts aus Ende, vorbei. Ich muß sehen, wie ich da durchkomme."
Doris musterte mich: "Dich hat es wirklich erwischt, ganz heftig, glaube ich."
Ich nickte.
"Nils kommt", sie stieß mich in die Seite. Nils kam die Treppe hinauf.
"Na ihr zwei...was tuschelt ihr denn?"
"Frauengespräche", meinte Doris.
"Hi du", Nils buffte mich, dann stutzte er, "was ist denn mit deinen Augen los, die sind ja ganz rot."
"Nichts", beeilte ich mich zu erklären, "ein bissele Heuschnupfen."
"Du hast Heuschnupfen? Das ist mir ja ganz neu."
Ich atmete tief durch: "Du weißt eben immer noch nicht alles von mir."
Die erste Stunde wurde eingeläutet. Nils ging nach unten: "Kommt ihr zwei vielleicht endlich mit?"
"Ich nicht", meinte Doris, "ich habe nur meine Krankschreibung im Sekretariat abgegeben. Ich darf noch ein bissele schwänzen."
"Beneidenswert", knirschte Nils.
Doris sah mich an: "Wie viele Lügen eigentlich noch? Jetzt fange ich auch schon an. Bitte, paß auf. Nils liebte dich wirklich und ich weiß, daß du ihn auch liebst. Also bitte, sei vernünftig."
Sie drückte mich zum Abschied ganz fest und ich taperte nach unten.

Nils hatte sich mit zwei kurzen Sätzen zu meinem Wochenendtrip zufrieden gegeben. Das Stichwort 'Familiensache' reichte aus. Das Training war heute total easy. So kam es mir vor. Ich hatte jede Menge Energie und Kraft. Ich könnte jetzt immer noch hin und herhibbeln, es ist schon verrückt.

Sonntag, 4. Mai 1997

4. April

"Das ist Matthes", sagte Heiko und präsentierte mir seinen Freund. Einen abgebrochenen Zwerg mit niedlichem Gesicht Ich kannte ihn ja schon von dem Foto auf Heikos Schreibtisch, aber ich hätte nicht gedacht, daß dieser Typ wirklich SO klein ist. Aber er ist richtig nett. Und ich glaube, daß er es nicht so toll fand, daß ich bei Heiko gepennt habe. Er hat nichts gesagt, aber ich habe da so ein Gefühl. Wir waren auf einer Party und es wurde richtig lustig. Den ganzen Nachmittag zuvor über hatte er mir Köln gezeigt, zumindest, das, was man halbwegs per Fuß und Bahn erreichen konnte. Auf der Party schließlich waren jede Menge schwuler Jungs da, aber komischerweise auch jede Menge Heteroleute. Ich amüsierte mich prächtig, fing zwischendurch immer wieder die Blicke von Heiko auf und war am Ende des Abends mit nur vier Bier doch noch reichlich nüchtern.
"Du pennst die Nacht noch mal bei mir, oder?"
Das war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich nickte. Heiko sprach mit Matthes. Ich sah nur wie er nickte. Er verzog das Gesicht nicht, er verzog keine Mine, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß es es nicht so toll fand. Es war irgendwann gegen drei Uhr, als wir schließlich wieder bei Heiko waren. Wir haben wieder wie selbstverständlich noch über alles Mögliche gequatscht. Ich merke, daß wir bei so vielen Sachen auf der absolut gleichen Wellenlänge liegen.

Ja und wir haben wieder miteinander geschlafen und es war genauso schön wie gestern.
Diesmal konnte ich sogar ein wenig schlafen in der Nacht. Als Heiko mich weckte, war es für mich, als wenn ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnt. Ich saß an diesem winzigen Frühstückstisch, hörte Heiko zu, wie er irgendwas von der Schule erzählte und mußte lächeln. Und jetzt, wo ich in diesem Park sitze und darauf warte, daß Dad mich abholt lächele ich noch mehr. Heiko und ich haben uns zum Abschied kurz und heftig umarmt. Und ich habe tatsächlich eine ganze Weile danach noch geheult. Die ganzen Tage haben wir uns nicht ein einziges Mal geküßt, nicht mal, als wir miteinander geschlafen haben. Ich gebe zu, es ist merkwürdig. Doch inzwischen, nachdem ich alles rausgeweint habe, geht es mir besser. Das, was ich für ihn empfunden habe, ist immer noch da. Aber es brennt nicht mehr...ich glaube, es war wichtig, daß wir diese zwei Nächte miteinander verbracht haben. Es war wichtig für mich, daß ich ihn wiedergesehen habe, auch wenn es vielleicht noch ein paar Tage wehtun wird. Ich weiß, daß ich ihn gern habe, daß ich ihn wahrscheinlich sehr lange sehr gern haben werde, ich weiß, daß es schön ist, Sex mit ihm zu haben, sehr schön sogar. Ich weiß aber auch, daß es schön ist, einfach nur mit ihm zu quatschen, ihm zuzuhören, sein Lächeln zu geniessen. Und ich weiß, daß ich jetzt einen guten Freund habe in Köln, einen sehr guten Freund. Und ich hoffe, daß es noch lange so bleiben wird, auch wenn wir uns eine Ewigkeit nicht mehr sehen werden. Ich werde versuchen, ihn nicht zu sehr zu vermissen.

Samstag, 3. Mai 1997

3. Mai

"Was machst DU denn hier?"
Ich war nicht mal verwundert über seine Reaktion. Eigentlich habe ich genau DIESE Reaktion erwartet. Aber er war einfach nur überrascht als er mich sah. Dann umarmte er mich plötzlich und sagte so etwas wie: "Hey, schön, daß du da bist." Ich erzählte ihm, daß Dad hier etwas in der Gegend zu tun hätte und daß ich eben einfach mitgefahren wäre, was ja alles überhaupt nicht gelogen ist. Er stellte mich den anderen Jungs aus der Gruppe vor. Die waren ganz passabel, also ich meine nicht atemberaubend, aber doch nicht so schlimm, wie ich mir die Leute in so einer schwulen Gruppe vorgestellt hätte. Dann setzten wir uns vor die Tür und Heiko schüttete mich mit Fragen zu: "Wie bist du denn überhaupt auf dieses Café gekommen?"
"Naja, ich habe ich eben erkundigt, wo man hingehen kann in Köln."
"Cool, daß du gerade in unserem Café gelandet bist. Ich dachte mir schon, daß du auch schwul bist. Eigentlich schon kurz nachdem wir uns gesehen haben."
Ich wurde panisch: "Wie? Sieht man mir das etwa an?"
Er lachte: "Nein, keine Angst. Wirklich nicht. Aber so wie du guckst. Wie du mich angeguckt hast. Irgendwie war es mir klar."
Ich blickte ihn an. Er hatte dieses total liebe, entwaffnenede Lächeln drauf, daß mich dahinschmelzen ließ. "Warum hast du mich nicht vorher angerufen, daß du nach Köln kommst?"
"Ich habe ja deine Nummer nicht." Oha, das klang eine Spur zu vorwurfsvoll.
"Nicht? Ich dachte, ich habe sie dir gegeben. Na wie auch immer. In welchem Hotel seid ihr denn?"
"Hotel?"
"Na irgendwo müßt ihr doch untergekommen sein hier. Du und dein Vater."
Shit, na toll, da hatte ich nun gar nicht dran gedacht an diese Frage. Ich kriegte gerade noch Novotel hin, weil ich wußte, daß Dad dort immer übernachtet, wenn er irgendwohin unterwegs ist.
"Ach so, sonst hättest du ja uach bei mir pennen können."
Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig: "Bei dir?"
"Na klar, überhaupt kein Problem. Meine Mutter weiß Bescheid, daß ich schwul bin."
"Echt? Und wie hat sie reagiert?"
"Total locker, ich habe es mihr erzählt, als ich 15 war."
"Wie? Da wußtest du schon, daß du schwul bist?"
"Natürlich, schon viel früher. Eine komische Frage. Seit wann weißt DU denn das?"
"Ich weiß nicht, ich habe keine Ahnung, irgendwie geahnt habe ich es schon ewig, aber ich weißt nicht...," ich stotterte tatsächlich vor mich hin. Zum Glück bekam ich irgendwann wieder Land unter den Füßen: "Und deine Eltern haben kein Problem, damit, wenn du jemanden mit nach Hause bringst?"
"Meine Mutter, ich wohne nur mit meiner Mutter. Nein, überhaupt keine Probleme. Mein Freund pennt ja auch regelmäßig bei mir."
"Dein Freund?" Shit, ich glaube das klang richtig hysterisch.
"Ja, ich habe einen Freund. Und du?"
Ich atmete tief. Es gab zwei Möglichkeiten. Ich sage ja oder nein. Innerhalb von ein paar Sekunden ging ich alle Möglichkeiten durch, die sich aus jeder der beiden Antworten ergeben können. Verbaue ich mir alle Chancen, wenn ich ja sage?
"Ja, ich habe auch einen Freund."
"Wow, bestimmt eine Leistung in so einer Kleinstadt. Aus der Schule oder woher?"
"Aus der Schule und bei uns aus dem Verein."
"Oh, dann habe ich ihn also gesehen, als wir da waren."
Ich grinste. Entwarnung. "Ja."
"Laß mich raten...dieser Typ, wie hieß er denn....Florian?"
"Nee, der nun ganz sicher nicht." Ich wollte dem Spiel ein Ende machen: "Nils."
Heiko guckte mich an, zog die Stirn kraus und schüttelte den Kopf: "Keine Ahnung, kann ich mich nicht erinnern."
"Nicht? Ihr ward doch noch zusammen in der Tofa."
"Ja, da war so ein Typ. Aber so richtig hat der keinen Eindruck hinterlassen. Und das ist dein Freund?"
Ich wußte nicht, ob ich beleidigt sein sollte oder erleichtert.
"Ja."
"Hast du es ihm erzählt?"
"Was?"
"Na was, wohl. Daß wir zusammen rumgemacht haben."
Ich war total überrascht, wie locker Heiko das alles zu sehen schien.
"Nein habe ich nicht. Hast du es deinem Freund erzählt?"
"Ja, habe ich."
"Und wie hat er reagiert?"
"Er hat kein Problem damit. Ich meine, so lange wir zusammenbleiben und nicht Liebe im Spiel ist, kann jeder machen, was er will."

Ich guckte ihn an und verstand nichts. Er hat einen Freund und erzählt ihm, daß er mit anderen Jungs rummacht und der findet es auch noch ok? Ich überlegte, ob ich seltsam bin oder Heiko. Ich schwieg. Das schien ihn aufzufordern, einfach mehr zu erzählen: "Ich fange doch nicht jetzt schon an, mich nur auf einen Typen festzulegen. Ich will Spaß haben, will was erleben."
"Ich glaube, Nils würde mich umbringen."
"Hast du ihm gesagt, daß du hier in die schwule Szene gehst?"
"Nein, ich gehe ja auch nicht in die schwule Szene."
"Nicht? Hey, du sitzt hier vor einem schwulen Café und ich nehme mal an nicht so ganz zufällig."
"Muß man eigentlich immer alles erklären im Leben?"
Heiko schaute mich an. Sein Blick traf mich, aber es war nicht das gleiche, wie bei Nils. Es war ein interessiertes Forschen.
"Und du meinst, du willst heute wirklich noch zum Novotel zurück?"

SHIT! Dieser Arsch, er wußte genau, daß er mich in der Hand hatte. Und er tat so, wie die Unschuld vom Lande. Und ich, was machte ich Idiot? Ich ging ihm voll in die Falle. Aber wieso IHM in die Falle. War es nicht eigentlich meine eigene Falle, die ich mir gestellt hatte? Und war es nicht, wenn ich es ganz genau sehe, gar keine Falle, sondern das, was ich eigentlich wollte, aber nie gehofft hatte?
"Naja, ich meine, wenn das Angebot mit dem Pennen bei dir noch gilt..."
"Klar, überhaupt kein Problem. Meine Mutter hat heute eh Nachtdienst, dann machen wir uns einen gemütlichen Abend."
Mein Herz machte einen Sprung. Heiko ging rein, um sich von den anderen zu verabschieden. Eine Frage lag mir auf der Zunge: "Was ist denn mit deinem Freund?"
"Matthes hat ein Auswärtsspiel und kommt erst morgen zurück."
Ich nickte. Niemand, niemand da, der uns stören würde.
"Willst du nicht noch deinen Vater anrufen?"
"Wieso?"
"Na daß du nicht kommst!"
"Ach so, ja." Shit, jetzt weiß ich, was mit diesem Sprichwort "Lügen haben kurze Beine" gemeint ist.
Ich taperte in die nächste Telefonzelle und tat so, als würde ich mit Dad telefonieren.

Dann fuhren wir zu Heiko, erstanden an der Tankstelle noch eine Flasche Bailey's und plötzlich stand ich bei ihm im Zimmer. Eine kleine Wohnung, aber ganz nett eingerichtet. An der Wand ein großes Poster von Eloy. Auf seinem Bett das gleiche Belami-Buch, das mir dieser Typ in Stuttgart besorgt hatte. Ich beneidete Heiko darum, wie easy das alles bei ihm ist. Kein Versteckspielen, kein Wegschließen, keine Heimlichtuerei. Sogar sein Freund kann bei (und mit?) ihm pennen, ohne, daß seine Mutter was sagt. Wir quatschten eine halbe Ewigkeit. Er erzählte mir, was ihn an Matthes alles nervt und ich hörte verwundet zu. Warum erzählt er mir das, dachte ich immer wieder? Irgendwann waren wir aber so mit diesem klebrigen Zeugs abgefüllt, daß sich alles zu drehen begann. Heiko warf mir ein Kissen und eine Decke zu.
"Falls du gleich einschläfst," sagte er grinsend.
Ich blickte ihn an. Dieser Idiot, dieser Penner, dieser arrogante und doch so liebe lächelnde Arschloch. Merkte er denn nicht, was ich wollte. Bekam er denn absolut nicht mir WARUM ich durch die halbe Republik gefahren war? WOLLTE er es nicht mitbekommen? Plötzlich fragte er: "Du sagst wohl nie, was du willst oder fühlst, oder?"
Ich war verwirrt: "Was meinst du?"
"Du hast mich schon gut verstanden. Tu nicht so, als wenn das bißchen Bailey's dich völlig meschugge gemacht hat."
Ich guckte ihn an, sein Lächeln war verschwunden, ich sah Heiko pur. Nach einer endlos erscheinenden Zeit fiel mir der richtige Satz ein: "Ich mache nie den ersten Schritt."
Er verdrehte die Augen: "Oh Gott, noch so eine Prinzessin."
Ich war kurz davor, sauer zu werden. Doch dann sagte er: "Nun komm schon her und zieh' dich aus."
Und ich tat es. Ich dachte nicht mehr nach, mein Kopf war von einer auf die andere Sekunde ausgeschaltet. Wir wälzten uns auf seinem Bett und es war einfach toll, zu kurz, zu schnell vorbei, aber es war geil.
"Alles ok, Kleiner?"
Ich nickte und war glücklich. "Dich hatte ich schon mal", flüsterte ich. Heiko sah mich erstaunt an und dann grinste er: "Sag bloß, den Satz hast du dir gemerkt."
"Muß ich ja wohl."
"Und er hat dich gewurmt?"
"Ich fand ihn total zum Kotzen."
"Und deshalb hast du die erste beste Gelegenheit ergriffen und bist nach Köln gedüst, um es mir zu zeigen." Er lächelte sein schönstes Lächeln.
Ich war fassungslos. Wie kann ein Mensch nur so selbstbewußt sein?
"Hey, paß mal auf...," fing ich an.
"Ok, ok, ist ja schon gut. Sorry, ich wollte dich nicht ärgern. Bleib einfach ganz locker, ok?"
Er umarmte mich kurz und heftig, dann drehte er sich auf die andere Seite und pennte ein.

Und ich? Ich lag die ganze Nacht wach. Ich glaube, ich habe nur minutenweise geschlafen. Neben mir schlummerte Heiko sanft vor sich hin, ich war wieder geil wie sonstwas, mir gingen tausende Sachen durch den Kopf. Ich konnte nicht schlafen. Was MACHE ich hier? Was mache ich in diesem fremden Zimmer, in dieser fremden Stadt? Ich gehöre nicht hierher. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper.

Irgendwann muß ich dann doch eingeschlafen sein, denn ich wachte auf, als Heiko mich sanft am Arm rüttelte.
"Aufstehen, magst du mit uns frühstücken?"
Ich taperte ins Bad. Es war mir total peinlich, seiner Mutter zu begegnen, die vom Nachtdienst zurückgekommen war. Aber die nahm das total selbstverständlich hin. Und so saßen wir eine halbe Stunde später am Frühstückstisch und ich erzählte von Hamburg, Bergbach und von allen möglichen Sachen.
Dann taperten Heiko und seine Mom los, um für die Woche einzukaufen. Ich blieb da. Und nun sitze ich hier an Heikos Schreibtisch, schreibe und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Von links lächelt mich ein kleines Foto an, das muß wohl Matthes, Heikos Freund sein. Ich schaue raus: ein paar Meter gegenüber macht eine Frau alle fünf Minuten das Fenster auf, guckt auf die Straße und macht das Fenster wieder zu. Ich fühle, daß ich nicht hierher gehöre. Aber ich fühle gleichzeitig, daß da immer noch etwas ist, was ich für Heiko empfinde. Ich verstehe es alles nicht. Sie kommen zurück. Ich muß aufhören zu schreiben.

Freitag, 2. Mai 1997

2. Mai

"Na dann los", sagte Dad und ließ den Wagen unsere Straße runterrollen. Eine ganz witzige Sache, wir wetteten immer, wie weit der Wagen ohne Gasgeben rollen würde. Meistens schafften wir es vorbei an meiner Schule, runter bis zum Bäcker. Dann abbiegen, Richtung Stuttgart und Autobahn, vorbei an "unserer" Kreuzung, vorbei an unserer Trainingshalle. Ich sitze hinten und wir sind auf dem Weg nach Düsseldorf, oder nach Köln oder sonstwohin. Ich bin immer noch wirr im Kopf von der letzten Nacht mit Nils. Und ich frage mich gerade, was ich eigentlich in diesem Auto mache. Ich habe gerade in der letzten Nacht mit meinem Freund geschlafen. Also richtig geschlafen. Und ich glaube mehr als vorher, daß wir ganz richtig zusammengehören. Und trotzdem sitze ich in diesem Auto und fahre mit meinem Dad nach Köln. Warum? Was will ich da? Will ich Heiko so haben, wie ich Nils habe? Will ich ihn einfach nur wiedersehen? Was will ich denn, verdammt noch mal? Ich weiß es nicht. Ich habe Angst, daß es wehtut.

Ein paar Stunden später sitze ich bei McDo. Dad hat mich in der Innenstadt von Köln abgesetzt und wird mich am Sonntag Nachmittag wieder hier abholen. Er hat mir viel Glück für das Turnier gewünscht. Ich fühle mich mies, warum nur lüge ich alle Leute an? Auf der anderen Seite, was habe ich denn für eine Alternative? Es sind noch drei Stunden hin, bis sich diese Gruppe trifft und je näher die Zeit kommt, desto abartiger finde ich die ganze Sache. WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH? Ich fahre quer durch die halbe Republik, um einen Jungen wiederzusehen, der gar nichts von mir will, der mir an den Kopf geworfen hat "Dich hatte ich doch schon mal". WAS ERWARTE ICH DENN? Ich komme immer mehr zu dem Entschluß, daß ich total bekloppt bin. Vor allem, WENN er kommt, WENN ich ihn treffe, WENN wir wenigstens miteinander reden, WAS DANN? Ich glaube so viele Fragezeichen hatte ich noch nie in meinem Leben auf einmal. Am liebsten würde ich gleich wieder zurückfahren. Zurück zu Nils, meinem Nils, ihm alles erzählen, ihn um Verzeihung bitten und mich einfach in seinen Armen ausweinen. Ich mache nichts dergleichen. statt dessen sitze ich hier, süffele den was weiß ich wievielten Milch-Shake. Neben mir wuselt die Welt, ich nehme alles nur unscharf wahr. Die Sachen rauschen an mir vorüber. Ja, der Platz neben mir ist noch frei, nein ich komme nich aus Köln, nein ich weiß nicht, wo der und der Laden ist. Ich hole den Stadtplan raus, den ich mir noch rasch gekauft habe und suche wenigstens mal die Jugendherberge raus. Ich bete, daß die dort wenigstens ein Bett frei haben. Was soll ich denn machen wenn nicht? Soll ich unter einer Brücke pennen? Dieses ganze Unternehmen ist so bescheuert und daneben, daß ich mich selber ohrfeigen könnte. Was Nils wohl gerade macht? Wie schön könnte ich jetzt mit ihm am Kochertalweg sitzen, einfach nur dasitzen, auf Bergbach runtergucken und träumen. Ich glaube, ich werde noch wahnsinnig!